Ich habe keinen Fernseher
26.09.2008, Thema: Medien, Interviews, Internet
Hendrik Speck über eine Studie zu Youtube

Lieber Hendrik Speck, die große Studie zu Youtube von Frédéric Philipp Thiele und dir ist gerade fertig geworden. Kannst du uns vor der Veröffentlichung schon ein paar Ergebnisse verraten?

Es handelt sich um ein Forschungsprojekt an der FH Kaiserslautern. Im Zug der Studie wurden die öffentlich zugänglichen Seiten von 6 Millionen Nutzern und 5 Millionen Videos auf Youtube erfaßt und untersucht. Das betrifft die Angaben in den Nutzerprofilen, Alter, Geschlecht, Beziehungsangaben, aber auch wie sich die Nutzer verhalten, welche Videos sie ansehen, was sie kommentieren.

Ist es die erste Studie, die ihr zu dem Thema durchführt?

Es gibt bis jetzt keine vergleichbare Studie im Bereich Youtube. Dazu muss man wissen, daß es sich hierbei um das Verhalten in sogenannten Large Scale Communities handelt mit jeweils mehreren Millionen Datensätzen von Nutzern und Videos. Dies sprengt sowohl methodisch als auch vom Datenumfang her die Ansätze und Verfahren der klassischen Soziologie.

Gehen wir zu den Ergebnissen. Wer sind die Nutzer?

Der Großteil der Nutzer bewegt sich zwischen 15 und 27 Jahren, mit einer deutlichen Spitze bei 20 Jahren. Anzumerken ist noch, dass diese ganzen Information sich auf die Angaben der Nutzer beziehen, die Plausibilität der Angaben kann durch derartige Verfahren nicht überprüft werden. Davon ausgenommen ist natürlich das Nutzerverhalten und die Interaktion, einschließlich der betrachteten und kommentierten Videos.

Wie verteilen sich die Geschlechter?

Nach den vom Projektleiter Frédéric Philipp Thiele erhobenen Daten gibt die deutliche Mehrzahl der Nutzer an männlich zu sein, das Verhältnis von Männer zu Frauen entspricht nach den Nutzerangaben etwa 3:1. Auch in ihrem Nutzerverhalten finden wir eindeutige geschlechtspezifische Indikatoren: 'Männer' haben sich an der Plattform früher angemeldet und nutzen sie beim Betrachten und Einspeisen von Videos viel intensiver. 'Frauen' haben einen ganz anderen Zugang zu dem Medium: Sie schauen natürlich auch Videos, aber sie nutzen die sozialen Funktionen wesentlich stärker. Das heißt: sie kommentieren häufiger und geben viel mehr Informationen über sich selbst preis, unter anderem ihren Beziehungsstatus – und sie 'gewinnen' schneller Freunde und Aufmerksamkeit.

 

Schauen die 21jährigen, die Stunden vor Youtube verbringen, noch Fernsehen?

Mittlerweile sehen wir, dass deutliche Veränderungen im Medienkonsumverhalten vorliegen. Print existiert für diese Generation nur noch eingeschränkt. Radio spielt noch eine halbwegs stabile, stagnierende Rolle da es als Pendlermedium noch nicht ersetzt werden kann. Die Hauptzeit verbringt man mittlerweile online, in Netzwerken, sieht Videos und TV übers Netz, in Videospielen und im Netz. Fernsehen hat insbesondere in den USA erhebliche Verluste erlitten.

Ist Youtube ein passives Medium, in dem vor allem geschaut wird, oder haben wir es tatsächlich mit dem aktiven Nutzer, dem Prosumer zu tun?

Da gibt es ganz klare Verteilungskurven. Der Großteil der Nutzer bleibt passiv und konsumiert Videos. Es gibt allerdings einige Einzelnutzer, hinter denen auch Firmen stecken können, die das Medium sehr aktiv nutzen. Die Absichten der sogenannten Content Provider erstrecken sich dabei von simpler Teilhabe über politische Propagandaarbeit, von kommerzieller Werbung bis hin zum Promoten von Musikvideos und Hotelketten.

Welche Auffälligkeiten zeigen sich bei den Inhalten?

Die der Unterhaltung zugeordneten und von Youtube vorgegebenen Bereiche Musik, Unterhaltung, Sport und Comedy sind ganz klar dominierend. Sie absorbieren über 80% der gesamten Videoaufrufe. Informative Kategorien wie Nachrichten, Politik, Bildung fallen im Vergleich dazu deutlich ab.

Die ernsten Kategorien unter 10%?

Informative Kategorien liegen bei etwa 10% aller Inhalte, bei den Videoaufrufen erreichen sie jedoch nur 5%. Bei dem Medium Youtube handelt es sich somit unzweifelhaft um ein Unterhaltungsmedium mit angeschlossener Plattform für digitalen Exhibitionismus und sozialisierter Schadenfreude - ohne besondere Informationsabsicht.

Sozialisierte Schadenfreude?

Hier geht es um die logisch konsequente digitale Fortführung der Beteiligungsgesellschaft für die durchschnittliche Familie: Das kleine Kind, das auf dem Roller die Treppe hinunter rauscht und dann breitbeinig gegen die Laterne grätscht. Früher im TV-Abendprogramm angesiedelt, sind solche Videos zur Bespaßung und Befriedung weiter Bevölkerungsschichten nun auf Youtube im Comedy-Bereich zugänglich - und immer noch sehr sehr populär.

Wie verteilen sich die Inhalte bei den ernsten Themen?

Im Bildungsbereich fallen mehrere Aspekte auf. Es gibt sehr wenige Institutionen, die sich darum bemühen, eine Zielgruppe, die vom Alter her für sie interessant wäre, gezielt anzusprechen. Der Großteil der Bildungsinstitute, die aktiv sind, kommt aus den Vereinigten Staaten, darunter etwa 10 Universitäten, vorrangig Ivy League. In Europa gibt es bis auf die European Graduate School mit ihren vollständig auf Youtube zugänglich gemachten Vorlesungen von Philosophen, Autoren und Regisseuren, deren Open Lecture Programm wir konzipiert und umgesetzt haben, wenig Vergleichbares.

Ein Beispiel, welche Reichweiten man in Youtube im Bildungsbereich erreichen kann, ist die letzte Vorlesung des kürzlich verstorbenen amerikanischen Professors Randy Pausch. Er war an Krebs erkrankt und hat in einem Vortrag sozusagen sein Vermächtnis hinterlassen. Dieses Video erzielt mehrere Tausend Videoaufrufe am Tag und hebt sich weit von ähnlich gelagerten Inhalten ab.

Ein anderes interessantes Phänomen ist die Bildungsarbeit Islamischer Aktivisten. Ein nicht unerheblicher Anteil von Videos im Bildungsbereich setzt sich mit der Vermittlung des Korans und religiöser Themen für Muslime und Interessenten auseinander. Das hat nicht zuletzt etwas damit zu tun, wie traditionell innerhalb dieser Kultur Wissen vermittelt wird. Schon früher wurden in derartigen Gesellschaften Inhalte und Botschaften oral über Kassetten oder per Video vermittelt.

Haben sich einzelne Formate weiter gefestigt wie etwa Lonelygirl?

Sicher. Lonelygirl ist ein Beispiel für eine Youtube-Sitcom. Das hat sich als Format etabliert. Es gibt jetzt sehr viele Nachahmer, die damit mehr oder weniger austauschbar sind.

Mittlerweile wird Youtube auch sehr aktiv bei politischen Kampagnen genutzt. Für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen wurde etwa ein eigener Channel eingerichtet. Auch kommerzielle Firmen steigen mittlerweile in diesen Bereich stärker ein. Es gibt das Beispiel der Firma Blendtec, die Mixer herstellt. Sie haben eine Werbekampagne gestartet, die unter dem Slogan 'Will it blend?' läuft. In ihrem Mixer zerschroten sie alles, von iPods bis zu Golfschlägern und erzeugen damit einen großen Wiedererkennungseffekt für ihre Marke.

Hat Youtube ein Monopol? Haben vergleichbare Plattformen noch eine Chance?

De facto besitzt Youtube das Monopol. Das musste auch der jetzige Besitzer von Youtube erfahren, der ein vergleichbares Portal namens Google-Video eingerichtet hatte. Das in einer Aufmerksamkeitsgesellschaft erzeugte Wechselspiel zwischen Nutzern und nutzergenerierten Inhalten wird sich langfristig negativ für die Nachhaltigkeit vergleichbarer Services auswirken.

Dein Ausblick für die Zukunft?

Unser Zukunft wird von dem veränderten Mediennutzungsverhalten geprägt werden, speziell durch mobile Geräte, medialer Omnipräsenz und entsprechendem sozialen Anpassungsverhalten. Das wird auch Konsequenzen für den klassischen Medienbetrieb haben und die Frage, wie wir uns Inhalte beschaffen.

Wir sehen immer noch die eigenartige Doppelung von Fernsehen und Computerscreen. Wird Youtube die Brücke zwischen beiden schlagen?

Ich habe keinen Fernseher.

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Das Gespräch führten Hendrik Speck und Stefan Heidenreich am 23.09.2009

 

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