Orte der Bilder

Dass Bilder einen Ort haben, ist die Grundannahme des Sammelbandes mit dem Titel Topologien der Bilder. Bild.Körper.Medium heißt das Graduiertenkolleg, aus dessen Umfeld das Buch stammt. Dessen Sprecher Beat Wyss hat versucht, ein wenig Ordnung in den hier vorliegenden Sammelband zu Bildern und Orten zu bringen. Aber die Wege der Bilder sind verworren. Den Sammelband zu lesen ist oft wie in einem Lexikon zu schmökern. Artikel folgt auf Artikel, mal springt man 500 Jahre vor, mal 200 zurück, mal ähneln sich die Themen, mal haben sie nicht das Geringste miteinander zu tun. Nach der Lesart von Wyss entsprechen die Begriffe Bild, Körper und Medium einem ästhetischen, einem bildpraktischen und einem epistemischen Zugriff auf Bilder. In einem weiteren Schritt verbindet er diese Begriffe wiederum mit den drei Peirce'schen Termini Ikon, Index und Symbol. Die Herausgeber ergänzen Wyss' Ausführungen um einige ebenso generelle wie teils selbstverständliche Bemerkungen zum Verhältnis von Bild und Ort.

Die Orte, an denen Bilder installiert, gezeigt und gesehen werden, beeinflussen, wie diese Bilder verstanden werden, welchen Zwecken sie dienen und welche Handlungen sie evozieren. Das ist nicht weiter spektakulär, wird aber dort spannend, wo sie das Kunstsystem als Geschichte der 'territorialen Differenzierung' unterschiedlicher Ikonotope verstehen. Endlich einmal tritt die Kunst nicht als Königsdisziplin auf, sondern als ein Ort der Bilder neben anderen. So viel zu den Ordnungen, wie sein könnten. Nun aber zum lexikonhaften Teil des Buches, in dem das kluge programmatische Vorspiel sich in den Wirren eines Sammelbandes verliert.

 

Um nur kurz aufzureihen, was nacheinander vorgeführt wird. Zuerst ein Artikel über Ausstellungsbücher, der das Symptom wohl gut beschreibt, aber nicht wirklich nach seinen Gründen fragt. (Markus Buschhaus). Dem Versuch, mit Charles S. Peirce die Land-Art von Richard Long zu betrachten (Samantha Schramm), folgt ein Beitrag zu fotografischen Historiengemälden bei Jeff Wall, Thomas Struth und Thomas Ruff. An sich klug, würde nicht wieder der Unsinn kolportiert, dass „der Wahrheitsanspruch des Bildes durch die digitale Form endgültig verabschiedet“ ist.(Kristin Marek) Der fotografische Blick in den Spiegel, gewürdigt mit obligatorischem Rückgriff auf Lacans Spiegelstadium (Lars Stamm). Dann ein sehr gründlicher Text zum Foto-Automaten (Roland Meyer), bei dem ich gelernt habe, dass Münzautomaten 1883 erfunden wurden. Danke! Dem folgt ein sehr aufschlussreiches Stück über den Kybernetiker Gordon Pask, dessen „ästhetische Umgebungen“ und Lehrmaschinen der 50er Jahre (Margit Rosen). Nach dem spannenden Thema Plakate und Werbung für Marken im Stadtraum (Asko Lehmuskallio) ein Aufsatz zu Arbeiten von Gordon Matta-Clark und Meg Stuart (Annamira Jochim). Darauf ein etwas amibtionierter Versuch, vom Anfang der Montage eine Brücke zu globalen Nachrichtensendungen zu schlagen (Alexander Schwinghammer) und ein mangels Bebilderung recht unanschaulicher philosophisch gelagerter Text zum Verhältnis von Schrift und Bild.(Vítěslav Horák). Nach einem Beitrag, der sich von der Seite der Hirnforschung den Gedächtnisbildern nähert,(Florian Lippert) etwas ganz anderes, nämlich ein durchaus lohnender, langer Text über Beda Venerabilis und Bildstrategien des 8. Jahrhunderts(Carsten Juwig). Vorspulen zu Dürers „Traum des Doktors“(Tanja Klemm), gefolgt von einem sehr kurzen Text über die Darstellung toter Körper.(Stefan Ditzen) Dann zeichnet ein Beitrag im Detail eine Episode der Geschichte textbasierter Computerspiele nach (Frank Furtwängler) und der nächste, mehr als ein halbes Jahrtausend zurück, sagt etwas über die Wandbilder von Pacino die Bonaguida.(Raphaèle Preisinger) Von hier geht es zu der mexikanischen Nonne Juana Inés de la Cruz und deren spätplatonischen mystischen Traumschilderungen(Linda Baéz-Rubí), dann zur Ortsbezogenheit von Tryptichen(Marius Rimmele), weiter über Spiegel, Verrat und Verschwörung in dem Film „letztes Jahr in Marienbad“(Beate Fricke). Schließlich endet der Band mit einem Aufsatz über die Beziehung zwischen medizinischer Bildgebung, Patienten und Beobachtern (Inge Hinterwaldner).

 

Der Kunsthistoriker Aby Warburg hatte versucht, seine Bibliothek nach dem Prinzip der guten Nachbarschaft zu ordnen. Sollte es dazu den Gegensatz geben, so kommt ihm diese Buch wohl recht nahe. Einmal mehr verfestigt sich der Eindruck, dass das Medium Buch nicht der richtige Publikationsort für die in einem Graduiertenkolleg zusamengewürfelten Texte sein muss. Am Ende werde sie am ehesten doch einzeln kopiert und die gedruckte Publikation dient nur dazu, sie in bewährter Form in die Bibliothek zu stellen. Warum, und das ist eine lange überfällige Frage, werden solche Texte nicht einfach im Netz zugänglich gemacht?

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Inge Hinterwaldner, Carsten Juwig, Tanja Klemm, Roland Meyer: Topologien der Bilder. Fink-Verlag 2008, 44,90€

 

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