Drei Thesen zum Iconicturn

Bald 15 Jahre ist jetzt vom Iconic Turn die Rede. Aber hat die Wende zum Bild tatsächlich stattgefunden? Befinden wir uns mittendrin? Oder kommt sie erst noch? Und sie sieht am Ende anders aus, als wir es uns zuerst gedacht haben?

 

Ich will in drei Thesen zu beschreiben versuchen, was der Iconicturn war, oder besser: nicht war. Was er sein wird. Und wen er betreffen wird.

 

1. Als Mitte der 90er Jahre den Begriff Iconicturn aufkam, fand etwas ganz anderes statt.

2. Der Wandel hin zu den Bildern beginnt erst gerade.

3. Der beginnende Iconic Turn stellt eine große Herausforderung dar, aber wer sie auf Seiten der Wissenschaften annehmen wird, ist noch offen.

 

1

Zwei Dinge, die aus dem Jahr 1994 datieren: der Begriff Iconicturn und das WorldWideWeb. Es ist ein eigenartiges Zusamentreffen, dass gerade zu der Zeit, als wir begonnen haben, von einem Wandel zum Bild zu sprechen, sich geradezu das Gegenteil ereignet hat. Zumindest wenn wir davon ausgehen, dass es zwischen Text und Bild einen Gegensatz gibt. 1994 legte in Genf Tim Berners-Lee die Grundlage für eine Struktur namens WorldWide Web. Die zugrunde liegende Programmiersprache heißt HyperTextMarkupLanguage. Hyper-Text, nicht Hyper-Bild. Der Kern dieser Sprache ist der Link, und das meint zumeist ein Wort, das als Zeiger auf eine andere Datei verweist. Das WorldWideWeb war eine text-getiebene Revolution. Denn das Fundament des Internets besteht aus Buchstaben. Nie in jüngster Zeit wurde der relative Wert der Bilder radikaler beschnitten als durch jene Struktur, die wir das Netz nennen. Sie ruft geradezu die Gegenrevolution gegen den Kult der Bilder in Fernsehen und Print aus. Besser gesagt: sie hat sie ausgerufen. Denn mittlerweile ändern sich die Verhältnisse von Buchstaben und Bildern im Netz. Aber noch bleibt der Text dominant. Und dafür gibt es gute Gründe.

Hat der Iconicturn deshalb nicht statt gefunden? Gibt es ihn nicht? Bevor wir in unseren Überlegungen fortfahren, einige Anmerkungen zu dem Begriff der ikonischen Wende.

Das Ausdruck turn tut so als bewegten wir uns auf einer Straße, die plötzlich eine Kurve machen würde, einen Turn. Leider ist die Lage nicht so einfach. Und so wie Richard Rortys Hoffnung, die amerikanische Sprachphilosophie möge in all ihrer Flachheit endlich obsiegen, sich zum Glück nicht erfüllt hat - er sagte sich später selbst davon los - so wenig bewegen wir uns im Denken auf einer Straße mit Fahrbahnmarkierungen, die uns wie durch die Täler des Südschwarzwalds auf einer kurvenreichen Piste voranbringt. Vielmehr haben wir ein weites Gelände vor uns, wohl ein wenig bergig, aber die Straßen müssen eher noch gebahnt werden, als dass sie schon gebaut wären. Die Verkehrsmetapher des Turns sieht das nicht.

Der zweite Einwand betrifft das Wort Iconic. Bekanntlich hat Charles S. Pierce drei Arten von Zeichen unterschieden: Index, Icon und Symbol. Ich will seine gelegentlich etwas scholastischen komplizierten Ausführungen Umberto Eco folgend fürs erste ein wenig abkürzen: Ein Symbol ist ein willkürliches Zeichen, wie ein Wort. Ein Index besitzt einen physischen Zusammenhang zwischen Zeichen und bezeichnetem Gegenstand, indem er von ihm ausgelöst wird und daher auf ihn zurück weist. Das Ikon ist schließlich in dem Maß ikonisch, wie es die Merkmale des abgebildeten Gegenstandes wiedergibt.

Fotografien sind daher Zwitter zwischen Ikon und Index. Denn da sie technisch ausgelöst werden, kann man sie als Index begreifen. Aber als Abbild zeigen sie Ähnlichkeit mit dem Gegenstand, daher gelten sie auch als Ikon.

Warum führe ich die Pierce'sche Einteilung hier an? Weil ich darauf hinaus will, dass Bilder im Internet allen drei Gruppen zugleich zugehören. Sie ergänzen ihren ikonischen Charakter um einen indexikalischen und auch um einen symbolischen. Denn sie gleichen nicht nur Fotografien, sondern sind auch noch in digitalen Symbolen codiert. Also müssten wir sie als eine hybride Einheit aus allen drei Zeichenarten sehen.

Macht es daher Sinn, von einem Iconic Turn überhaupt zu sprechen?

Wenn wir das Bild der Straße verlassen und uns in das des Netzes begeben, und sei es auch eines Verkehrsnetzes, dann gibt es nicht nur eine Abzweigung, sondern viele, von der aus ein Weg zum Visuellen führt. Das stellt den Ort und die Bedeutung des Textuellen nicht in Frage. Aber es werden stetig mehr Wege - und das ist im Netz gleichbedeutend mit „Links“ - die über Bilder verlaufen.

 

Aber sind diese Bilder nicht als „Ikonische“ missverstanden? Nun gibt es unter Kunsthistorikern noch einen anderen Begriff des Ikonischen, nämlich Panofskys, der in der Ikonologie und der Ikonographie steckt. Nicht dass er der einzige oder gar der angemessene ist, um zu begreifen, was an Bildlichkeit auf uns zu kommt. Das wohl kaum. Denn die Ikonologie im Sinn von Panofsky und seinen Nachfolgern nimmt einen historischen Ort ein und hat dort ihre Berechtigung. In gewissem Sinn hat ja Panofsky in seinem wunderschönen Text zum Kühler eines Rolls-Royce sehr humorvoll gezeigt, was aus der Perspektive ikonischer Verwandtschaften in der Bilderwelt unserer Gegenwart aufscheint, und was wegfällt.

 

Der Grund, warum wir den Begriff trotz allem verwenden können, mag viel trivialer sein. Aber das hat den Status eine Vermutung, die erst noch bestätigt werden müsste. Es gibt im griechischen für Bild die Begriffe eidos und eikon. Eidos wurde zum Begriff der Idee, und hat mit Sehen als Verstehen zu tun, oder wurde jedenfalls so umgedeutet. Eikon dagegen bezeichnet die Abbildung. Der eikono-graphos ist der Porträtmaler und das christliche Ikon leitet sich von diesem Sinn des Porträts her. Das Ikon wäre demnach das materielle, tatsächlich materielle Bild, das ein Ding oder ein Figur zeigt, eine Art von Gebrauchsbild, mit dem wir täglich umgehen. Die moderne Ikonenmaschine wäre dann der Fotoapparat, und die Verteilung der Ikonen liefe in unserer Zeit über das Internet. In diesem Sinn werden wir es mit vielen, mit sehr vielen Ikonen zu haben, also mit einem Iconic Turn.

 

2

Der Wandel zum Bild wird erst noch kommen. Am deutlichsten wird er uns wohl in einem künftig denkbaren Verhältnis von Bild und Geschichtlichkeit. Und zwar dort in einem Blick, der sich von der Mitte des gerade begonnenen Jahrhunderts aus auf unsere Zeit zurück richtet. Erst retrospektiv wird sich eine Epochenschwelle zu erkennen geben, die uns heute nur deshalb nicht deutlich sein kann, weil wir sie durchleben. Worin besteht dieser Bruch? Wir lassen eine dunkle Zeit hinter uns. Aus der Zukunft zurückblickend wird es uns scheinen, als seien wir in unserer gerade stattfindenden Gegenwart erst zu Welt gekommen, als trete jeder einzelne zu seiner Zeit langsam ans Licht, aber im ganzen sind werden wir alle miteinander aufscheinen. Denn in Zukunft werden wir ohne Schwierigkeit an einen Ort und eine Zeit zurückgehen können, um nachzusehen, was dort geschah. Wir werden 2050 wissen, wo wir im letzten Jahr um dieselbe Zeit gewesen sind. Und vor zehn Jahren. Aber nicht vor vierzig Jahren, also jetzt. Denn wir tauchen gerade erst aus dieser „unbebilderten“ Dunkelheit auf. Haben sie die Kamera-Mobile von Google in jüngster Zeit umher fahren sehen? Sie sind eines der sichtbarsten Anzeichen des Wandels, ein Vehikel technischer Beschleunigung, wenn auch eines das die Zeichen der Zeit nur zur Hälfte erkennt. Denn Google muss die Dimension der Zeit erst „wieder“entdecken. Andernfalls wird das Untrnehmen an den Dingen, die da kommen, nicht teilhaben, was auch wieder nicht das schlechteste wäre.

Unsere Bewegungen - zurück wie auch seitwärts - durch Orte und Zeiten werden größtenteils bildlich sein. Wir können dazu eine fast physikalisch messbare Größe erfinden. Nämlich die Anzahl der Bilder pro Ort pro Zeit. Die Touristen draußen in Menzenschwand machen vielleicht 100 Bilder am Tag von dem Quadratkilometer des Ortes. Rechnen sie damit, dass sich diese Anzahl verhundertfachen wird. Ich weiß nicht, ob wir soweit gehen müssen wie Justin.tv, der sein ganzes Leben aufzeichnet, aber er ist mit Sicherheit ein Pionier dieser kommenden Bilderwelt. Bei dieser Dichte wird jeder Ort zu jeder Zeit sein Bild haben. Die Jagd nach den weißen Flecken der Bildzeit-Landkarten hat bereits begonnen.

 

Wovon hängt das Zustandekommen dieser bildhaften Vergangenheit ab? Davon dass viele Menschen Kameras haben und Bilder machen? Nein. Sie hängt davon ab, dass die Kameras wissen, wo sie sind, wieviel Uhr es ist, wer die Bildermacht, und vielleicht auch, wen sie zeigen. Erst diese Meta-Informationen werden die Bilder eine Stelle finden und wieder aufgerufen werden können. Sie sind dann symbolisch, im Sinn von Pierce. Wir können sie in all jenen Kategorien adressieren, die sie mit sich führen. Heute macht es kein Problem, Speicher mit etwas zu füllen. Die Daten wieder zu finden, ist die viel größere Herausforderung. Und die Art des Zugriffs auf das Archiv bestimmt, was wir erinnern können, nicht die schiere Masse der Einträge.

Wir treffen also die Bilder der Zukunft in allen drei Feldern zugleich an: als Bild sind sie ikonisch, ihre Metadaten zeigen auf etwas, sind also indexikalisch, aber gefunden werden sie letztlich Reich des Symbolischen.

 

3

Dieser zweite und eigentliche Iconicturn wird eine große Herausforderung darstellen, sowohl für die Theorie als auch für die Praxis der Bilder. Es wird viel zu tun und viel zu denken geben. Aber es ist die Frage, ob wir - die Kunst-,die Bild- oder allgemeiner Geisteswissenschaftler es sein werden, denen sich die Aufgaben stellen, aber auch die sich den Aufgaben stellen.

 

In der Frage, wie sich die künftigen Mengen an Bildern organisieren lassen, liegt für jede Wissenschaft wie auch Praxis der Bilder eine Herausforderung. Fragen der künftigen Organisation von Bildern lassen viel Raum für eine, wenn nicht gar zwei Funktionsmonopole von der Reichweite einer Firma wie Google. Wir stehen hier erst am Anfang.

Ob wir die damit verbunden Aufgaben als unsere eigene anerkennen würden, oder auch nur als die unseres Faches, das bleibt uns überlassen. Wir sind jedenfalls in den Bemühungen nicht allein.

Es gibt andere Disziplinen, die sich um dieses aufblühende Feld bemühen, andere Institutionen, die von dem öffentlichen und ökonomischen Interesse an den Bildmengen profitieren.

Man kann eine Art von Sperre feststellen, die den Geisteswissenschaften in die Quere kommt, wenn es um Fragen geht, die einen starken praktischen Bezug zur Gegenwart aufweist. Ich nenne sie die theologische Sperre. Sie geht auf den Umstand zurück, dass die Geisteswissenschaften um 1800 in der Nachfolge der obsolet werdenden Theologie gegründet wurden. Seither leiden sie unter dem Erbe, nur lesen oder sehen zu lernen, aber nicht schreiben und malen. Denn die Bibel musste von den Theologen nie geschrieben werden, sondern nur richtig verstanden werden. Exegese statt Produktion. Wissenschaften in dieser Tradition verhalten sich dem Gegenstand ihrer Disziplin gegenüber passiv. Das ist nun eine Haltung, die sich mit der heutigen Wirklichkeit immer schlechter verträgt. Jedes Kind lernt im Netz beides: zu konsumieren und zu produzieren. Ein Bildwissenschaft, die die Welt als Bild ernst nimmt, kommt nicht darum hin, beide Seiten zu lehren und verbinden: Theorie und Praxis. Aber in dieser Hinsicht ist es um die Fähigkeiten der Geisteswissenschaften vergleichsweise schlecht bestellt, nicht zuletzt der theologischen Sperre halber. So gibt es zwei akademische Orte, an denen eine neue Bildwissenschaft, die Theorie und Praxis in eines bringt, am ehesten entstehen kann.

Dazu bedarf es einer Theorie, die von der Relevanz lebt. Keine Bildwissenschaft, die sich, so wie es heute oft aussieht, in akademischen Trockenübungen verliert, die unter dem Deckmantel der Philosophie so tut, als würde sie einen Meta-Diskurs führen, auf denen die anderen nur zurückgreifen müssen. Die Grundbegriffe müssen selbst in den Bildern gesehen werden. Ich hege keine große Hoffnung, dass uns die scholastischen Begriffsbildungen der philosophisch initiierten Bildwissenschaften in dieser Hinsicht weiterbringen könnten. Genauso wenig allerdings die Kunstgeschichte, die eben immer noch in weiten Teilen methodisch in Begriffen denkt, die entweder mehr als Hundert Jahre alt sind oder an einer zusehends bildfernen Moderne ausgerichtet sind.

Es gibt einige fruchtbare Ansätze, darunter der Begriff der ikonischen Differenz, da er den Graben zwischen Rezeption und Produktion der Bilder überbrückt. Auch den bildanthropologische Ansatz, den ich von der Medientheorie her kommend lange abgelehnt habe, gibt wichtige Hinweise um zu erklären, was Betrachter Bilder machen und ansehen lässt, auf dem Weg zu einer Theorie des Agierens im Bild und der damit verbundenen visuellen Affekte.

Aber zurück zu den beiden akademischen Orten, die in der Frage der Bilder weiter sind als die Geisteswissenschaften:

Der eine sind die Kunstakademien. Da sie Praxis schon immer lehren und keine Scheuklappen gegenüber der Theorie hegen, wird es ihnen leicht fallen, sich aus dem Feld der Theorie mit dem zu versorgen, was sie benötigen.

Der andere trägt den Namen Organizational Studies. Es handelt sich um einen Zweig der Betriebswirtschaftslehre. Sie mögen fragen: was bitte schön sollen Ökonomen mit Bildern zu tun haben? Dachte ich auch, bis ein Freund von mir, der in dem Fach gerade promoviert, mich fragte, ob er sich meine Ausgabe von Derridas „Die Wahrheit in der Malerei“ leihen könnte. Seitdem habe ich gelernt, dass die Mikroökonomie als allgemeine Wissenschaft des Handelns keinerlei Scheu vor dem Bereich der Kultur hat. Schon gar nicht, seitdem in der immateriellen Arbeit ein wachsender Teil unserer wirtschaftlichen Wertschöpfung geleistet wird, das sogenannte kreative Kapital. Es handelt sich hier um Fachbereiche, die zumindest in Großbritannien, im Gegensatz zu den den hiesigen Geisteswissenschaften massiv ausgebaut werden. Es würde mich nicht überraschen, von dort einen Großteil unserer Kulturwissenschaften in einer merkwürdigen Spieglung wieder vorgesetzt zu bekommen.

 

Fazit

Der Iconicturn ist gerade erst dabei zu beginnen. Die Wende zum Bild, zu einem verzeitlichten und verräumlichten Bild wird sich über Jahrzehnte strecken. Sie stellt unserer Kultur enorme Aufgaben. Sowohl Praktiker als auch Theoretiker werden damit auf die nächsten Jahrzehnte zu tun haben werden. Welche universitären Fächer sich dieser Herausforderung annehmen, steht nach wie vor in Frage. Ob es Geistes- oder Kulturwissenschaften sein werden, liegt an uns.

__________

 

Als Vortrag gehalten am 27.9.2008 in Menzenschwand.

Bild: Byrion - www.flickr.com/photos/byrion/2666901841/in/photostream/

0 Kommentare zu "Drei Thesen zum Iconicturn"
Kommentar schreiben
Name:
E-Mail:
Kommentar:

Wichtige Hinweise:
  • Bitte geben Sie nur Kommentare ab, die zum Thema gehören.
  • Beziehen Sie sich möglichst auf Kommentare anderer Personen statt einen neuen Thread zu eröffnen.
  • Lesen Sie bitte die vorhandenen Kommentare bevor Sie Ihren eigenen abgeben, um nicht noch einmal zu schreiben, was schon gesagt wurde.
  • Ihre E-Mail-Adresse wird NICHT veröffentlicht.