Hubert Burda: Mediale Wunderkammern

Dass Kunstgeschichte in den praktischen Umgang mit Bildern übersetzt wird, kommt selten genug vor. Und noch seltener schreibt jemand, der erfolgreich Theorie in Praxis übersetzt, seine Erfahrungen und Ansichten nieder. Unter dem Titel Mediale Wunderkammern erscheinen nun Texte von Hubert Burda aus den letzten Jahren, herausgegeben von Wolfgang Ullrich.

Die Themen reichen von der Rolle der Infografik bis zur Darstellung von Herrschaft und von der Historienmalerei im 18. Jahrhundert - Burda hat über die Darstellung von Ruinen bei dem französischen Maler Hubert Robert promoviert - bis zu den jüngsten Bildstrategien im Netz. Das persönliche Interesse des Verlegers scheint überall deutlich durch, und das tut den Texten gut. Denn obgleich sie sich immer wieder auf die Quellen der Kunstgeschichte beziehen, geht es im im Kern um die Bilderwelt und die Medien unserer Gegenwart.

 

Einer der aufschlussreichsten Aufsätze betrifft das graphische Konzept des Magazins Focus. So suchte ich denn in Diderots Enyzklopädie unter dem Stichwort 'Ruine', was er zum Bildgegenstand zu sagen hatte, und war überrascht, statt abstrakter Erklärungen wunderbare Info-Grafiken zu finden, wie man seine bildvermittelnde Erklärungen heute nennen würde. Fast 30 Jahre später machte Burda sich die Bildstrategien der Enzyklopädie bei der Gestaltung des Magazins Focus zu Nutzen.

Und noch ein weiteres Beispiel zeigt, wie die Begriffe der Kunstgeschichte die Bildpraxis der Gegenwart prägen können. In den Ruinen-Bildern verbindet Hubert Robert ästhetische Gegensätze seiner Zeit. Sie sind zugleich sublim und galant, erhaben und zugleich alltäglich verspielt. Einen vergleichbaren Gegensatz zweier Bildbegriffe sieht der Verleger heute zwischen entlastenden und belastenden Bildern in den Medien Bildern erneut am Werk. Belastend sind zum Beispiel Röntgenbilder, Bilder des Schreckens, Fernsehbilder von Unfällen, aber auch Erinnerungsfotos an die Toten.Entlastende Bilder sind hingegen alle, die mir Freude und Heiterkeit bereiten.

 

Aber Burda widmet sich in seinen Texten nicht nur den Bildern. Fünf Jahre nach seiner Erstveröffentlichung gewinnt der Beitrag Was zeichnet Eliten heute aus? angesichts des Scheiterns der Banker eine neue Aktualität. Für Eliten, die keine Veantwortung für das Allgemeinwohl übernehmen, tue ich mich mit diesem Begriff schwer. Burdas Lösung liegt in der Bildung, Einmal mehr fordert er, dass Wissenschaft und Wirtschaft nach dem kalifornischen Vorbild der Zusammenarbeit von Universität und Unternehmen zusammenrücken müssen.

 

Burda Erfahrungen sind durch den Spagat zwischen diesen beiden Welten gekennzeichnet: Die Journalisten fanden mich komisch, weil ich promoviert hatte. Und für die Wissenschaftler war ich ein Illustriertenheini. Ein Vorbild, das beide Welten zusammenbrachte, die hohe und die niedere Kultur, die Kunst und das Geschäft, fand er in Andy Warhol. Die Bekanntschaft mit dem Pop-Künstler wies ihm den Weg, die beiden Kulturen zu versöhnen. Und gab ihm letztlich auch das Zuversicht, dass sich die Kenntnisse der Kunst und der Kunstgeschichte auf die Bilder unserer Zeit anwenden lassen.

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Hubert Burda: Mediale Wunderkammern

Schriftenreihe der HfG Karlsruhe

Neue Folge, Bd. 3

Herausgegeben von Wolfgang Ullrich

Wilhelm Fink Verlag 2009

130 Seiten, 24 s/w Abb., Kart.

EUR 12.90

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