Slow motion - die neue Langsamkeit der Bilder
17.12.2005, Chris Dercon | Thema: Kunst, Wahrnehmung

Ich schlage vor, dass wir dringend ein neues Verständnis von Langsamkeit entwickeln, um eine endgültige Abwesenheit zu vermeiden. Im Augenblick zeigen Künstler, egal ob sie Filmemacher, Architekten oder Designer sind, ein wachsendes Interesse an Langsamkeit. So etwa die Arbeit 24 Hour Psycho von dem Künstler Douglas Gordon oder American Car von David Claerbout (Lenbachhaus). In diesen Videoinstallationen gibt es keine filmische Bewegung im herkömmlichen Sinn. Vielmehr bringen Gordon und Claerbout jede Bewegung zu vollkommenem Stillstand. Diese Wirkung wurde durch bestimmte technische Mittel erzielt; aber auch der Betrachter kann sie in seiner kognitiven Wahrnehmung herstellen, als Affekt- Effekt.

Zum Glück wird unsere Lebenswelt nicht ausschließlich von Maschinen beherrscht, sondern von bestimmten Formen der Wahrnehmung, die wir verinnerlicht haben. Diese Wahrnehmungsmuster bilden die Grundlage der gegenwärtigen Beschleunigung und Verlangsamung von Dingen. Diese Beobachtung führt uns zu Heideggers Vorstellung von Zeit. Bei den Videos und Filmen von Jean-Luc Godard können wir Heideggers Einfluss ausmachen, zum Beispiel bei Sauve qui peut la vie und Histoire(s) du Cinema. Godard war von Beschleunigung und Verlangsamung fasziniert, und inspiriert unter anderem von Jean Cocteaus Orpheus. Für Heidegger, Godard und Cocteau ist Kunst eine Form des Widerstands: Man widersteht der Zeit. Langsamkeit hat bei diesem organisierten Widerstand eine große Bedeutung, weil sie eine neue Form von Subjektivität zum Ausdruck bringt...

Heute ist die mit der Stoppuhr gemessene Zeit aus unserem täglichen Leben fast verschwunden. Der Fotograf Ari Marcopoulos hat vor kurzem mit einem Fotobuch den Alltag einer Gruppe Snowboarder dokumentiert. Als wären sie Verkörperungen von Orpheus im 21. Jahrhundert, sagten sie zu ihm: Unsere Welt bewegt sich kulturell mit einer Geschwindigkeit, die mit der traditionellen Chronologie nicht mehr gemessen werden kann ... und wer will noch auf die Uhr sehen, wenn deren Zeitangabe sowieso kodiert ist ...?

Milan Kundera hat 1995 in seinem Roman Die Langsamkeit gefragt: Warum ist die Lust an der Langsamkeit verschwunden? Aber inzwischen ist diese Lust zurückgekehrt; sie ist in unserem täglichen Leben sogar zu einer neuen Strategie und wichtigen Taktik geworden. Meine Freunde reisen um die Welt, um mit Aktivitäten unter Wasser und in den Bergen langsame Ferien zu erleben. Sporttauchen und Wandern als rite de passage? Wir sagen slow food und meinen damit eigentlich: denominazione origine controllata. Und Sie, wie langsam sind Sie? Ich würde mich freuen, wenn Sie auch die langsamen Morphologien des Designers Marc Newson oder der Architektin Zaha Hadid zu schätzen lernen. Slow-motion-Effekte machen fast 75 % der Sportsendungen aus, und das Slow-Design der neuen Sportkleidung zeigt das große Interesse an slow motion. Adidas-Sportschuhe zeigte vor kurzem ein relativ langsames, aber sehr intelligentes Tier als neues Werbemotiv: einen Tintenfisch. Und die Komponisten, mit denen ich befreundet bin, stellen fest, dass ihre Musik langsamer wird. Die L- beziehungsweise XL-Bücher von Rem Koolhaas und seinen Anhängern werden zu XXL-Büchern, wie seit neuestem auch die Fotobände von Taschen.

Ist dick etwa dasselbe wie langsam? Auch in den Filmen von Won Kar Wai und anderen Asiaten wird Langsamkeit plötzlich zelebriert es gibt weniger Schnitte und längere Abblenden. Mit Blick auf das neue asiatische Kino kann man sagen, dass Langsamkeit sexy geworden ist. So sexy wie die langsamen Bewegungen der Models von den belgischen Modemachern Martin Margiela und Ann Demeulemeester, streng aber elegant. Aber derart von Langsamkeit ist auch aus Not geboren. Der Eins-zu-eins-Umgang mit neuen Medien, wie sie eine einzelne Person beim Zappen oder bei Computerspielen kennt, weckt den Wunsch nach langsamen Bildern, die noch in einem kollektiven Raum angesehen werden können. Ein bekannter Gehirnforscher behauptete vor kurzem, dass Langsamkeit oft zu Langeweile führt, weil wir zu wenig Impulse in unserem Gehirn empfangen. Das ist natürlich Unsinn. Oder wie der Komponist John Cage damals behauptete: There is good boring and bad boring art.

Oder denken wir an die langsamen Bewegungen von Flüchtlingen, an die unzähligen Leute, die in einem Lager darauf warten, in ein anderes gebracht zu werden und an die Pforten des Himmels klopfen. Die Filmemacherin Chantal Akerman hat darüber einen sehr schönen Film gemacht: Von der anderen Seite. Manchmal sind diese langsamen Bewegungen zugegebenermaßen selbst auferlegt. Seit kurzem verkünden Fachzeitungen angesichts der verheerend schnellen Veränderungen in der Wirtschaft Techniken des langsamen Managements. In all diesen Beispielen wird körperliche Bewegung zu einer Sinn gebenden Metapher: Bewegung als Affekt, die Flecken im surrealistischen Sinn hinterlässt man denke nur an die Arbeiten von den Künstlern James Coleman und William Kentridge. Wenn wir über Langsamkeit sprechen, kommt die doppelte Bedeutung in dem Verb bewegen zum Tragen.

Geschwindigkeit wird zur irrtümlichen Auslöschung von Kunst, und Langsamkeit zur Utopie. Langsamkeit ist Gedanken-Zeit. Unsere Liebe ist langsam gewachsen. Ein solcher Gedankengang setzt voraus, dass Zeit wie ein leeres Gefäß ist, das mehr oder weniger stark gefüllt werden kann. Ungefähr so, wie jemand in der gleichen Zeitspanne ein erfülltes oder ein sinnloses Leben führen kann; man kann die verfügbare Zeit für die Lösung eines Problems nutzen oder nicht. Unsere Liebe ist endlos genau so sollte unser Verständnis von Langsamkeit beschaffen sein: als eine logische Fortsetzung oder als ein logischer Ausdruck von Virilios intensiver Zeit. Dann wird Langsamkeit vielleicht ein neuer Schauplatz für unser Denken und damit zu einem Denkmodell.

(Chris Dercon ist Direktor am Haus der Kunst in München.)

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