Schrift und Zahl

Bei allem Unbehagen über das Missverhältnis zwischen Analyse und Synthese, zwischen Berechnung und Errechnung digitaler Bilder: Ohne Bilder wären Computer ein Spielzeug von Mathematikern geblieben, eine Maschine auf Buchpapier, ganz wie Alan Turing 1936 über ihre Prinzipschaltung in Worten und mathematischen Zeichen geschrieben hat. Wir müssten unsere Beine weiterhin von Hand berechnen, wie dies die Webers genau 100 Jahre vor Turing getan haben.

Aber ganz wie die Symbiose von Grafikkarte und Radarschirm schließlich zur grafischen Benutzeroberfläche führte, so treibt eine Symbiose von Hardware-Entwicklung und Materialforschung den Siegeszug der Digitaltechnik unaufhaltsam vorwärts.

Die Hardware auf der einen Seite wäre ohne technische Bilder weder zu begreifen noch zu bauen: Schaltsymbole und Schaltpläne, Kennkurven und andere Diagramme eröffnen jeweils Felder der Berechnung, denen die realen Schaltungen als immer winzigere Spiegelbilder dann mehr und mehr entspre-chen. Erstmals in der Technikgeschichte fallen im Computerdesign Recto und Verso, Schaltplan und Elektronenlithografie, zusammen. Der Materialforschung auf der anderen Seite ist es zu danken, dass Computer nicht mehr wie in ihren Anfängen im Schritttempo rechnen. Mit der Erfindung des Transistors 1947 durch Shockley, Brattain und ihre Mitarbeiter von den Bell Labs lief die erste Materialforschung nach Rechenelementen in die Zielgerade ein.

Germanium und bald darauf Silizium erwiesen sich als Elemente, die, auf atomarer Ebene umgewandelt, verstärken und am Ende zählen konnten. Der mathematische Materialismus eines Pythagoras kehrte triumphal zurück. Aus Transistoren wurden integrierte Schaltungen, aus ICs ganze Ozeane von Transistorgattern, wie sie in der Branche heißen. Die Festkörperphysik verfügt infolgedessen über Hochleistungsrechner, die ihr Bilder der Materie selbst zustellen. Diese computergenerierten Bilder zeigen dank Rasterelektronenmikroskopen Strukturen in immer höherer Auflösung und die Strukturen geben ihrerseits wieder Möglichkeiten für immer effizientere Hardware vor. Während das Zurückgehen auf die Ebene von Photonen und Quanten in der Computergrafik nur ein realistischer Tick der Programmierer bleibt, ist er beim Computerdesign eine schiere technische Notwendigkeit, schon allein aus dem Grund, weil die Siliziumtechnologie sich unaufhaltsam ihren physikalischen Grenzen nähert. Mittlerweile laufen die ersten Quantencomputer im Versuchsstadium, und eines schönen Tages sollen sie alle verbliebenen Feindcodes knacken können. Auf dieser untersten Ebene strahlt Materie als reine Energie, ist also immer schon Information, das heißt computertauglich. All die großartigen Paradoxien der Quantenphysik werden mit einem Schlag aufhören, lediglich Lehrbücher zu bevölkern, sondern als Tunneleffekte oder Quantenfallen in den technischen Alltag einziehen. Jedenfalls gäbe es kein Bild von den Grundbausteinen dessen, was ist, ohne moderne Computer, wie es umgekehrt keine modernen Computer gäbe ohne jenes unvorstellbare Bild. In dieser menschenleeren Einheit blitzt das Sein auf - ein Bild für Götter.

(aus: Hubert Burda, Christa Maar (Hg.): Iconic-Turn. Die neue Macht der Bilder, Köln: DuMont 2004, S.201)

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