Ortlosigkeit und Bilderfülle

Die zeitliche Verzögerung zwischen Äußerung und Wahrnehmung, Ursache und Wirkung, verschwindet. Über das Bild können telematisch Handlungen an

einem weit entfernten Ort ausgeführt werden. In Multi-User-Environments kommunizieren zahlreiche Personen miteinander, die sich an unterschiedlichen Orten befinden, über unterschiedlichste visuelle Environments. Bisher war die Interaktivität nur in eine Richtung möglich, von der wirklichen Welt in die virtuelle Welt. In Zukunft haben Ereignisse in der virtuellen Welt aber umgekehrt auch Auswirkungen auf die reale Welt. Damit entstehen Bilder, die wir nicht mehr Bilder nennen können. Wenn ich beispielsweise auf das Bild eines Schalters auf einem Bildschirm drücke und simultan in dem Zimmer, in dem ich mich aufhalte, das Licht angeht, dann hat meine Bewegung im Zeichenraum (Druck auf den virtuellen Schalter) eine Wirkung in der realen Welt und der Schalter kann nicht mehr als Bild bezeichnet werden. Die neuen technischen Bilder sind Mischgebilde, eine Mischung aus Zeichen und Objekt: noch Objekt und schon Zeichen, noch Zeichen und schon Objekt.

Im Fokus einer Bildwissenschaft dürfen deshalb nicht allein die Bilder der Kunst stehen. Die Naturwissenschaften verwenden Bilder seit Jahrhunderten sowohl zur Produktion von Erkenntnis als auch zur Verbreitung von Wissen. Als ich einmal den Erfinder der fraktalen Geometrie, Benoît Mandelbrot, fragte, wie er in die Geschichte eingehen möchte, sagte er: als derjenige, der die Bilder in die Mathematik zurückgebracht hat. Der iconic turn beschreibt

nicht nur eine Hinwendung der Kunstwissenschaft zu den naturwissenschaftlichen Bildern, sondern auch eine Auseinandersetzung der Naturwissenschaften mit den Bildern. Das Bild, von den bildgebenden Verfahren der Medizin bis hin zur Physik, spielt für die Produktion von Erkenntnis und die Verbreitung von Wissen eine größere Rolle denn je. Es sind aber nicht mimetische Bilder, wie sie die Kunst erzeugte, sondern epistemische Dinge, Bilder, die am ehesten vergleichbar sind mit Präparaten und Modellen, die uns helfen, die Wirklichkeit besser zu verstehen.

(aus: Hubert Burda, Christa Maar (Hg.): Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder, Köln: DuMont 2004, S.225f.)

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