DLD06: Nach der Schrift
06.02.2006, Thema: Ästhetik, Notizen, Medien, Bildbegriff
Iconic Turn im digitalen Leben

Buchstaben, Texte und Tastaturen treten zurück, um das Internet Bildern und Tönen zu überlassen. Darin waren sich die meisten Teilnehmer beim Digital Lifestyle Day 2006 mit Martin Varsavsky einig. Wie aber der Iconic Turn in den Netzen aussehen kann, darüber gehen die Ansichten auseinander.

Auf dem Panel The next big thing zeigten sich sehr verschiedene Perspektiven. Nach Marissa Mayer, bei Google unter anderem für strategische Ausrichtung verantwortlich, geht es in Zukunft darum, Video und Sound in die Suche einzubeziehen. Weiterhin wird Google sich nicht darum bemühen, Inhalte selbst zu erstellen. Suchfunktionen bleiben die Kernaufgabe der Firma, also künftig verstärkt auch die Suche nach Bildern.
Zwischen den Strategien von Google und Konkurrenten wie Yahoo sieht Esther Dyson einen wesentlichen Unterschied. Google betrachtet Kommunikation als Mittel, Information zu verteilen. Yahoo dagegen verfolgt die Strategie, durch Kommunikation Menschen zu vernetzen. Dass Bilder dabei eine wesentliche Rolle spielen, zeigt das Beispiel von Flickr.
Dyson sieht bei den künftigen Entwicklungen einen Gegensatz, den sie in Anspielung an die religiösen Debatten in den Vereinigten Staaten, als „Blind Evolution versus Intelligent Design“ bezeichnet. Nur intelligentes Design sei in der Lage, die Wünsche der Nutzer zu erfüllen. Die aktive Seite der Entwicklungen sucht sie beim Nutzer, der nicht nur zusehends Töne und Bilder nachfragt, sondern sie auch selbst online stellt.
Auch Google versucht, so Mayer, die Aktivitäten der Nutzer miteinzubeziehen. So setzt das Unternehmen die avanciertesten Suchtechniken dazu ein, Werbung zu effizient zu schalten. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung von Information, sondern um die genaue Beobachtung von Nutzern und ihren Handlungen. Die Relevanz einer Werbung besteht nicht in ihrer Bedeutung, sondern in dem, was sie auslöst – also nicht in der semantischen, sondern in der pragmatischen Dimension. Wie treten Bilder in dieser pragmatischen Dimension auf? Was wollen Nutzer sehen? Marissa Mayer gab ein Beispiel an, das ganz in der Logik von Google liegt. Die Antwort auf die Frage “How to make a cake?” kann ein Video sein. Damit erschöpfen sich die Möglichkeiten der Bilder nicht. Die Abkehr von der Schrift könnte, wie Dyson bemerkte, einen Fluss von Kommunikation hervorrufen, der über die Google-Galaxie hinausreicht.

Das wurde besonders bei dem Panel Metro Media deutlich, das sich den ortsbasierten Services widmete. Kevin Slavin stellte eine Reihe von Spielen vor, die reale Orte und virtuelle Daten verknüpfen, entwickelt von seiner Firma area/code. Der Finne Jyri Engeström, der vor allem für Nokia forscht, gab einen vagen Ausblick auf die Geräte der Zukunft. Mobil und dynamisch würden sie sein, aber weder Laptops noch Handys.


Die Plattform plazes wurde von ihrem Entwickler Felix Petersen vorgestellt. Sie setzt Geokoordinaten als Basis für ein Format ein, das Personen, Orte und Ereignisse miteinander verknüpft. Programmtisch zeichnet all diese Anwendungen aus, daß sie Koordinaten aus dem realen Raum mit digitalen Informationen kreuzen. Kevin Slavin spricht von der Verbindung von Area und Code – von dem statischen, terrestrischen Feld und den dynamischen, „ätherischen“ (ethereal) Daten.

Bildern fällt dabei eine besondere Rolle zu, sind sie doch in beiden Bereichen zuhause: sie sind Daten, die Informationen über wirkliche Orte wiedergeben. Damit werden sie zu einer Art von Scharnier, das es erlaubt, die in Welt der sogenannten Wirklichkeit auf ihr virtuelles Gegenstück abzubilden.

Der Veleger Hubert Burda wies auf Walter Benjamin hin, der in seinem Kunstwerk-Aufsatz eine der gegenwärtigen Wende vergleichbares Modell am Beispiel der technischen Reproduzierbarkeit entworfen hat. Die digitalen Netze führen die Ästhetik und Kultur in eine Schwellenzeit, ähnlich wie die neuen industriellen Verfahren die Kunst im 19. Jahrhundert. Zum Zeithorizont der Visionen gab Marissa Meyer eine aufschlussreiche Auskunft. Was in 10 Jahren möglich sei, lässt sich erahnen. Die konkreten Planung bei Google laufen auf 6 Monate. Am unsichersten aber erschien ihr die Zukunft in einer Distanz von 5 Jahren.

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