Ikonisches Wissen
Über einen Vortrag von Gottfried Böhm

„Wie kommen Bild und Begriff im Bilde zusammen?“ Dieser Frage widmete sich Gottfried Böhm in einem Abendvortrag, zu dem die Arbeitsgruppe Die Welt als Bild an der Berlin- Brandenburgischen Akademie geladen hatte. Anlass der Einladung war eine Tagung zum Thema „Bild als Modell“.

Böhm skizzierte zwei mögliche Ansätze, den der Modelltheorie nach Tarski und einen wissenschafts- geschichtlichen, den er selbst bevorzugt.

Seit ihren Anfängen trennt die Geschichte der Kunst die kognitive von der ästhetischen Dimensionen des Bildes. Das führt dazu, dass in den Museen modellhafte Bilder unterrepräsentiert sind. Erst das 20. Jahrhundert führt hier zu einer Änderung, indem experimentelle Bildmodelle den Weg in die Kunst zurück finden.

Böhm unterscheidet zwei Art von Modellen, die simulativen und die heuristischen. Simulationen stehen zur Wirklichkeit in einem festgelegten Verhältnis, sei es maßstäblich oder interpretativ. Heuristische Modelle dagegen zeigen auf etwas, das selbst unanschaulich oder begrifflos sein kann.

Modelle entfalten eine Zeigekraft, die das Einbildungsvermögen anregt. In dem Überschuss an Imaginärem, den sie erzeugen, liegt der eigentliche Sinn des modellhaften Bildes. Der Gewinn an Anschaulichkeit verbindet sich stets mit einer Differenz zwischen Bild und Realem. Zentral ist dabei die Funktion der Deixis, oder lateinisch Demonstratio, das Auf-etwas-Zeigen. 

Wie entsteht aus einem Bild Wissen? Dazu, so Böhm, müssen wir die Diskursivität des Bildes verstehen. Um diesen Begriff zu erläutern, führt ein einfaches Beispiel vor. Nach und nach zeichnet er vier Linien. Die erste steht allein und bleibt abstrakt. Die zweite markiert als Parallele zur ersten ein Innen und Außen. Erst die angewinkelten dritten und vierten Linien schließen die Figur zu Dach und Haus. Aus den Linien ist etwas Bedeutungshaftes aufgestiegen.

Die spezifisch visuelle Qualität liegt darin, dass jede Entscheidung für eine bestimmte Linie und einen bestimmten Umriss Millionen von anderen Möglichkeiten ausschließt. Das Bild als Modell, so Böhm, „trifft eine Entscheidung in einem distinkten Spielraum des Möglichen.“ Ihre anschauliche Kraft schöpfen die Modellbilder aus den alltäglichen Zusammenhängen der Lebenswelt. Sie werden Fenster, die Ein- und Ausblicke eröffnen.

In einem Schwenk zurück zur Kunstgeschichte offenbart Böhm am Ende seines Vortrag die Schwächen seines eigenen Ansatzes. Er zeigt einige fast vollkommen abstrakte Gemälde von Mondrian als Beispiele für Bilder, die zugleich künstlerisch und modellhaft sind. In der sich an dem Beispiel entspannenden Diskussion wird deutlich, wo die kunsthistorische Rede über Bilder und deren Diskursivität nach ihre Grenze findet. Dass bei Mondrian wie bei der modernen Kunst allgemein modellhafte Referenzen auf Weltzusammenhänge nur mehr oder weniger zufällig auftreten und als solche bedeutungslos sind, blendet Böhm aus. Denn damit wäre das Eingeständnis verbunden, dass der Bildervorrat der Kunst nur einen marginalen Ausschnitt der gesamten Bildwelt umfasst, und dass der kunsthistorische Blick nur einen vieler möglichen Bilddiskurse darstellt.

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Gottfried Böhm leitet den Forschungsbereich eikones. Er hat unter anderem das Buch „Was ist ein Bild?“ herausgegeben und den Begriff „Iconic Turn“ geprägt.

 

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