Verwandtschaften
Mit Wittgenstein zur Bildwissenschaft

Moquin, 1817Um Ähnlichkeiten zwischen Elementen zu beschreiben, die sich auf einzelne ihrer Merkmale beziehen, gebrauchte Ludwig Wittgenstein den Ausdruck Familienähnlichkeiten. Wendet man diese Beziehung auf Bilder an, so stellt sich die Frage nach den Verwandtschaften, die unter ihnen vorliegen.

Verwandte Bilder lautet der Titel eines Sammelbandes, der Fragen der Bildwissenschaft unter dem Vorzeichen von Familienähnlichkeiten angeht.
Der Versuch, von dort aus zu einer Definition zu kommen, die  in den Ähnlichkeiten der Bildfamilien eine Einheit entdeckt, führt zuerst einmal nicht weiter als zu rekursiven Formulierungen, wie etwa der Feststellung: „Die verschiedenen Bilder sind verbunden durch die Eigenschaft, Bilder zu sein, aber diese Eigenschaft findet sich nicht als durchgängiges Merkmal in jedem einzelnen Bild ...“(9)

Als wesentlich fruchtbarer erweist sich der Ansatz, wenn es darum geht, wie Bilder betrachtet werden können: „Ein Bild als Bild zu verstehen bedeutet, es im Zusammenhang mit anderen Bildern zu reflektieren.“(10) Von hier aus könnte man entschiedener als bisher das einzelne Bild als Forschungsgegenstand verlassen, und sich der Rekonstruktion von bildlichen Diskursen oder 'Bild-Spielen' nach Wittgenstein zuzuwenden.

Herausgegeben wurde der Band von Ingeborg Reichle, Steffen Siegel und Achim Spelten, alle drei forschen als wissenschaftliche Mitarbeiter in der interdisziplinären Arbeitsgruppe Die Welt als Bild an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Die einzelnen Beiträge des Bandes bleiben, und das ist angesichts der sonst oft disparaten Aufsatzfolgen durchaus bemerkenswert, bei dem Programm, Familienähnlichkeiten zu finden und zu untersuchen.

Materialreich stellt Marius Rimmele dar, wie Bilder im Mittelalter sich auf sich selbst und auf ihre Entstehungsbedingungen beziehen. Mit demselben kunsthistorischen Fleiß erkundet Steffen Siegel, wie im 16 Jahrhundert das Innere des Körpers bildlich dargestellt wurde.

Den vielen konkurrierenden Versuchen, zu sagen, was ein Bild sei, fügt Achim Spelten einen weiteren hinzu. Dabei stürzt er sich leider in eine weitschweifige philosophische  Diskussion, die daran krankt, materielle oder visuelle Begriffe mit der semantischen Seite von Anfang zu vermischen.
Um Bildhandeln geht der Beitrag von Silvia Seja, der sich sehr auf die etwas begrenzte deutschsprachige Debatte zum Thema fixiert. Einen Bezug auf  bahnbrechende Arbeiten wie etwa die von Alan Kay, der mit der Vorlesung Doing things with images das Handeln mit digitalen Bilder in der Praxis geprägt hat, hätte hier gut getan.
Den Zusammenhang zwischen Kunstgeschichte und Bildreproduktion beleuchtet Ingeborg Reichle. Sie weist darauf hin, dass dem heutigen iconic turn in der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderte eine vergleichbare Wende hin zur reproduzierten Abbildung vorausgeht. In ihrer Argumentation blendet sie die nicht ganz unwesentliche Tatsache aus, dass der gegenwärtige iconic turn sich vor allem auf Bilder bezieht, die nicht als Kunst gelten und damit den Bereich der Kunstgeschichte verlässt. 
Ausgehend von der Lektüre eines Krimis aus dem Jahr 1920, widmet Alexandra Lambert dem Modell der Gedankenfotografie und den damit verbunden obskuren und technischen Bildpraktiken einen kenntnisreichen und sehr lesenswerten Beitrag.
Trotz eines etwas naiven Begriffs vom Medien als Werkzeugen gelingt es Viktor Bedö, einen bemerkenswerten und ideenreichen Aufsatz über den Umgang und die Gestaltung von Landkarten in digitalen Medien zu schreiben.
Reich bebildert hat Sebastian Gießmann seinen Beitrag über Netzwerkdarstellung in den Naturwissenschaften zwischen 1750 und 1830, wobei der Aufruf, dass in unserer heutigen Netzwerkkultur andere Weltbilder „verblassen“ mögen, etwas dogmatisch wirkt.
Ausgehend von der Geschichte der Radarbilder stellt Sebastian Vincent Grevsmühl die jüngere Geschichte von Visualisierungen und Wahrnehmungsräumen dar.
Den fraktalen Bildern, die in den 90er Jahren im Gefolge der Chaostheorie populär wurden, widmet sich Nina Samuel, und zeigt, wie der Mathematiker Benoit Mandelbrot damit die Idee einer „die Rückkehr zum Sehen“ verband.

Insgesamt gelingt es dem Sammelband „Verwandte Bilder“, Wege aufzuzeigen, die von der Kunstwissenschaft zu einer verwandten Bildwissenschaft führen. Die Herkunft der meisten Autoren aus der Kunstgeschichte ist offensichtlich und zeigt sich nicht zuletzt an der weitgehenden Beschränkung auf historische Fälle und kunstgeschichtliche Literatur. Noch fehlen viele wichtige Themenbereiche einer umfassenden Bildwissenschaft, aber schließlich sind Sammelbände keine Lexika und können daher auf Vollständigkeit verzichten.

Dennoch weist die Wahl und die Bearbeitung der Themen darauf hin, dass Vertreter der Kunstgeschichte sich der Illusion hingeben, ihr Fach sei schon Bildwissenschaft genug und müsste nur noch seinen Gegenstandsbereich erweitern.
Aber ohne die Hilfe von Disziplinen wie der Filmwissenschaft, den Visual Studies oder selbst der Werbepsychologie und der Kommunikationsforschung werden sie immer nur ganz bestimmte Bildfamilien in den Blick bekommen. Gerade hier könnte sich der Ausgangspunkt bei Wittgensteins Begriff der Verwandtschaft und dessen Modell der Sprachspiele als hilfreich erweisen.

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Ingeborg Reichle, Steffen Siegel, Achim Spelten (Hrsg.): Verwandte Bilder. Die fragen der Bildwissenschaft.

Inhalt:
Ingeborg Reichle, Steffen Siegel, Achim Spelten: Die Familienähnlichkeit der Bilder
Marius Rimmele: Selbstreflexivität des Bildes als Ansatzpunkt historischer Bildforschung
Steffen Siegel: Einblick. Das Innere des menschlichen Körpers als Bildproblem in der Frühen Neuzeit
Marcel Finke: Materialität und Performativität
Achim Spelten: Sehen in Bildern
Silvia Seja: Der Handlungsbegriff der gegenwärtigen Bild- und Kunstphilosophie
Sebastian Bucher: Das Diagramm in den Bildwissenschaften
Jan Peter Behrendt: Das Deutschlandbild als Forschungsgegenstand
Barbara Kopf: Skulptur im Bild
Ingeborg Reichle: Kunst-Bild-Wissenschaft
Roland Meyer: Detailfragen. Zur Lektüre erkennungsdienstlicher Bilder
Alexandra Lembert: Gedanken sehen
Viktor Bedö: Landkarten als Werkzeuge unseres Denkens
Sebastian Gießmann: Netze als Weltbilder
Sebastian Vincent Grevsmühl: Epistemische Topographien
Michael Rottmann: Das digitale Bild als Visualisierungsstrategie der Mathematik
Nina Samuel: Zur Bilderfrage in Benoît Mandelbrots Werk

Abbildung: Kupferstich von E. Moquin in: Michel-Félix Dunal: Monographie de la famille des Anonacées, 1817. Entnommen dem vorliegenden Band zum Beitrag von Sebastian Gießmann, S.256

 

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