Ein Experiment über Bilder in der Wissenschaft

„This is an experimental book“ lautet der erste Satz eines Bandes zu visuellen Praktiken an Universitäten. Wie gut, dass ein Verlag willens war, das Experiment zu veröffentlichen, und mehr noch ein Autor, es durchzuführen. Zwei amerikanische Verleger lehnten das Manuskript ab, weil zu „technisch“.
Tatsächlich bezieht sich das Buch vor allem auf den Umgang mit Bildern innerhalb der Wissenschaft, und zwar dezidiert als Reaktion auf eine Tendenz der angelsächsischen Visual Studies, mediale und kulturelle Bilder in den Mittelpunkt zu rücken.
James Elkins hat 30 universitäre Disziplinen befragt, wie sie Bilder herstellen und verarbeiten. Herausgekommen ist ein Band, der im Gegensatz zu dem oft konzeptlosen Potpourri deutscher Sammelbände eine klare Frage stellt und anhand einer Reihe von Beispielen beantwortet.

In einer wunderbaren und langen, aber keineswegs zu langen Einführung, gelingt es Elkins, frei zwischen Bildern aus den Bereich der Kunst, der Kultur und der Wissenschaften zu wechseln. Gleichsam nebenbei erzählt er, wie Forschung über Bilder aus dem Schatten der Kunst getreten ist und sich in unterschiedlichen Ländern unter den verschiedensten Gesichtspunkten dem Visuellen in den Medien oder den Wissenschaften zugewandt hat. Elkins setzt sich nicht allzu ausführlich mit methodischen und theoretischen Grundlagen auseinander. Er belässt es bei einem Bezug auf Wittgensteins Theorie der Sprachspiele, um von dort aus  eine an Sprachen orientierte Typologie zu skizzieren. Das führt zu der Frage, ob Bildwissenschaft als unabhängige Disziplin möglich und nötig ist, oder ob die verschiedenen visuellen Sprachspiele am Ende vom Wissen der einzelnen Disziplinen nicht zu trennen sind. Elkins bezieht hier eine klare Position.Er geht davon aus, dass wir innerhalb der Bilder in den Wissenschaften über eine visuelle „lingua franca“(52) verfügen.

Für die verschiedenen Beispiele, die Elkins sammelt, mag an dieser Stelle eine Aufzählung von Bild-Fall und zugeordneter Wissenschaft genügen:
Spectroskopie - Chemie, Performance-Kunst, Strandkiesel-Geologie, Sirenen - Philosophie und Ökonomie, Keltische  Farbnamen - Linguistik, Doppler Tomographien - Astrophysik, 3D-Simulation - Juristik, Netz-Visualisierung - Informatik, Bilder in der Arbeitstherapie - Therapeutik, Klangdarstellung - Akustik, Farbabgleich - Zahnmedizin,  Sternenwolken - Astronomie, Kartendarstellung - Archäologie, Kartendarstellung - Geologie, Buchmalerei - Kunstgeschichte, Luftfotografie - Maschinenbau, Fluoreszenz Miksoskopie - Medizin, Vogelflug - Aerodymanik, Visuelle Lösungswege - Mathematik, Masken - angewandte Sozialwiss, Biopsie - Pathologie, Alser Scans - Archäologie, Kristalldeformation - Geochemie, Elektrophoresis - Ernährungswissenschaft, Mustererkennung - Zoologie, Politische Ikonographie - Kunstgeschichte, Virusvisualisierung - Mikrobiologie, Sonar-Scans - Ozeranologie, Metaphorologie - Philosopie, Visuelle Rhetorik - Rechtswissenschaft

Das Ziel, mit dem Buch einen Ausgangspunkt anzugeben, um den Bildgebrauch in den Wissenschaften zu betrachten, hat Elkins ohne Zweifel erreicht. Für Studienzwecke wäre es freilich vorteilhaft, der Band würde als Material im Internet zur freien Verfügung stehen und nicht nur als gedrucktes Buch.
Im Hinblick auf Bildwissenschaften bleiben zwei Lücken bestehen, von denen Elkins eine ganz bewusst in Kauf nimmt. Die Bilder, mit denen wir tagtäglich im Fernsehen, auf der Straße oder in Magazinen konfrontiert sind, hat er mit Absicht ausgelassen und damit auch einen ganz wesentlichen Teil unserer Bildkultur. Sie sind und sollten nicht Thema des Buches sein, das Elkins dezidiert gegen den Hang zur populären Bildkultur in den anglo-amerikanischen Visual Studies konzipiert hat. Deutsche Bildforschung hätte in dieser Richtung allerdings noch einiges aufzuholen.

Die andere Lücke hat er nicht thematisiert, aber sie ist dennoch offensichtlich: die Wissenschaften, die das Sehen selbst erforschen, also vorrangig Neurologie und Kognitionswissenschaften, werden in dem Band nicht erwähnt. Ihr Fehlen erscheint auf den ersten Blick rätselhaft und erklärt sich vielleicht aus der Scheu, eine Instanz aufzurufen, die sich als Meta-Disziplin des Sehens geriert und damit den unvoreingenommenen Blick auf visuelle Praktiken zu beschneiden droht. Es bleibt aber in diesem Zusammenhang eine Lücke, die dringend zu füllen wäre.  

Insgesamt aber hat Elkins einen Band vorgelegt, der nicht nur einen großen Schritt voran zu einer systematischen Untersuchung wissenschaftlichen Bildgebrauchs bedeutet, sondern in seiner methodischen Klarheit auch eine plötzliche Übersicht vermittelt.

* * *

James Elkins (Ed.): Visual Practices across the University, Wilhelm Fink Verlag München 2007

 

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