Mediale Tangenten
10.07.2007, Hubert Burda | Thema: Iconic Turn
Ein Festvortrag für Peter Sloterdijk

Globus: Martin Behaim 1491-92Wenn für manche die Wirklichkeit durch die Medien erzeugt wird, kann man sich vorstellen, dass es zu der Arbeit eines Philosophen gehört, über diesen Zusammenhang nachzudenken. So ist es auch bei Peter Sloterdijk. Sein Werk erlaubt wie wenige, Vergleiche zwischen der großen Zeit der nautischen Entdeckungen und der heutigen digitalen Revolution zu ziehen. Beide haben unsere Weltsicht und die politische und wirtschaftliche Machtverteilung grundlegend verändert.

Beispielhaft für diese Interdependenzen sind die Fugger, die im 16. Jhdt. mit dem Montanhandel reich geworden waren und auch in Schiffe und Medien investiert hatten. Jacob Fugger hatte das beste Nachrichtenwesen der damaligen Zeit. Er war besser vernetzt als die Medicis in Florenz. Über alles wurde nach Augsburg berichtet: über Gerichtsprozesse, Unwetter, neue Passstraßen, Eintreffen der Schiffe, über Freibeuter und Piraten und über alle Neuigkeiten im Zusammenhang mit den handelnden Personen. Eine Frage wie die, ob die englische Königin bereits vor ihrer Hochzeit das Beilager gehalten hätte, würde man heute als „educated gossip“ bezeichnen, der auch damals schon eine wichtige Funktion hatte und ohne den viele Geschäfte in dieser Welt nicht denkbar sind. Es war die Zeit der Glücksnaturen, die mit der neuen Welt zu Ruhm und Reichtum gelangten und die von   Hofmannsthal als „leichten Hauptes und leichter Hände“ beschrieben wurden.1

Bald kam zu dem Schiffs- und Medienwissen das Versicherungswesen hinzu, das die Risiken kalkulierbar machte und damit die erste „pragmatisch implantierte Immuntechnologie der Moderne“ war.2 Doch auch diese Innovation konnte letztlich  den immensen Reichtum der Familie Fugger nicht retten. Vielleicht war der Anlass, der zur Insolvenz führte, weniger der schier unersättliche Geldbedarf der Habsburger, welche ihre Schulden nie zurückbezahlten, sondern die neuzeitliche Erfahrung, dass der wirkliche Boden der Schiffsboden wäre und dass im veränderten Denken vom Terranen zum Maritimen ein anderer Geist gebraucht wurde. Denn fast gleichzeitig mit Jakob Fuggers Innovation bringt im Jahr 1492 „Martin Behaim, von einem Volontariat in Lissabon zurückkehrend, den ersten Erdglobus nach Nürnberg, um seinen Landsleuten klar zu machen, welches in Zukunft die Bretter sind, die die Welt bedeuten – die Planken der hochseetauglichen Schiffe. Die Seefahrt ist jetzt das Schicksal, nur der hochseetaugliche Geist kann mit den Forderungen der neuen Zeit Schritt halten. Nun heißt es, auf die Schiffe, ihr Philosophen, und auf die Meere, ihr Gläubigen!“3 Noch heute bietet das wieder erstarkte Bankhaus Fugger in seinem Portfolio Schiffs- und Medienbeteiligungen an und man verweist gerne darauf, dass es sich hier um risikoreiche Geschäfte handelt.

Was also sind die neuen Globalisierungsagenten in diesem veränderten Weltinnen-raum der Sphären, Blasen und Schäume? Sloterdijk selbst zieht die begriffliche Tangente: „Der Ozean ist das erste Internet, der Schiffsbau ist seine Zeit in Gedanken gefasst.“4 Die Sphäre des Internet verändert und entwickelt die Medien in fundamentaler Weise, eine digitale Revolution, die nur vergleichbar ist mit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg. Was früher die Alchemie war, mit der man die Funde aus dem Boden, das Kupfer, das Blei, das Silber, nicht nur bestimmen sondern auch weiter verarbeiten konnte,  das sind heute die Algorithmen. Der wohl erfolgreichste wurde an der Wende des Jahrtausends publiziert: der PageRank.5 Er legte die Grundlage für die Suchmaschine Google, deren Gründer Sergey Brin und Larry Page damit zu einem Vermögen kamen, dessen Marktkapitalisierung zur Zeit bei 150 Milliarden Dollar liegt und in der unvorstellbar kurzen Zeit von zehn Jahren entstand. Es übertrifft damit bei weitem die Dimensionen des Fugger-Vermögens. Zum Vergleich: Die beiden weltgrößten Medienkonzerne bieten zusammen genommen keine höhere   Marktkapitalisierung auf.

Wenn man den Vergleich zwischen Jakob Fugger und Sergey Brin etwas  weiterspinnt, dann ergibt es sich fast von selbst, dass der Microsoft-Gründer Bill Gates in die Nähe des Hauses Medici rückt, - und das nicht nur, weil er den Codex Leicester aus Leonardo da Vincis Studien erworben und ausgestellt hat, - und dass die globalen Häuser des Internethandels wie Ebay und Amazon mit Stadtstaaten wie Siena oder Pisa vergleichbar sind, die große Handelszentren ihrer Zeit waren.   

Mit den beweglichen Lettern der Gutenberg-Revolution wurde es möglich, Texte viel schneller und preiswerter zu verbreiten. Mit der weiteren Medienentwicklung,  angefangen von der Erfindung der Fotografie durch Nièpce, den Film der Gebrüder Lumière über die Fernsehröhre von Brauns, werden auch die Bilder beweglich.6 Durch diesen Iconic Turn wird die Welt zum Bild – ganz im Sinne von Heidegger, der den Beginn der Neuzeit in der Eroberung der Welt als Bild sah.7

Dieser Iconic Turn dreht sich durch das Internet dauernd noch weiter. Denn Bild- und Videoportale ermöglichen es, dass heute jeder von jedem Ort aus Bilder und Videos ins Netz stellen kann und diese durch Schlagworte (tags) verortet werden. 400 Millionen Bilder zählt die Plattform Flickr.com und 100 Millionen Videos das Portal YouTube. Die Gründer Caterina Fake und Chad Hurley gleichen den einstigen Entdeckern neuer Territorien, den Magellans und da Gamas. Zu ihnen gehört auch Andreas von Bechtolsheim, einer der Mitbegründer von Sun Microsystems und einer der ersten Investoren bei Google, der gegenwärtig an einem Apparat arbeitet, mit dem sich 30.000 Videos in DVD-Qualität speichern lassen.8 Statt Spielfilmen kann der Apparat auch das Fernsehprogramm von mehreren Jahren speichern und für einen raschen Zugriff bereitstellen. Nichts muss mehr aufgezeichnet und katalogisiert werden. In Entwicklungen wie diesen zeichnet sich das Fernsehen von morgen ab: jeder Zuschauer kann sich sein Programm ganz individuell  zusammenstellen. Natürlich würde dieses Konzept den Markt für Fernsehwerbung grundlegend verändern - ein großes Spielfeld für schumpetersche Unternehmer. Ein solcher ist Niklas Zennström, der mit seiner Plattform namens Joost auf der diesjährigen DLD-Konferenz einen Einblick gab, wie Internetfernsehen aussehen kann. Der Schwede Zennström hatte bereits mit seinen Internetschöpfungen Skype und Kazaa ein ähnlich neues Modell für die Telefon- und Musikindustrie eingeführt, dessen Erfolg auf der  Vernetzung von Nutzern und ihren Computern beruht.

An dieser Stelle weist der Weg zu Walter Benjamins Einsicht: Wann immer sich die Medien ändern, ändert sich die Gesellschaft. Die soziologische Organisationsform zu Beginn des neuen Jahrhunderts sind die Communities. Die neuen Gemeinschaften definieren sich nicht mehr territorial, sondern über das Internet und gemeinsame Interessen. In der Diskussion zu Anfang der 60er Jahre – etwa in Marburg – ging es  darum, den Begriff der Gemeinschaft, wie ihn Tönnies verwandt hatte, durch den Begriff von Gesellschaft zu ersetzen. Man sah die Gemeinschaft als soziologische Form durch die Volksgemeinschaft Hitlers diskreditiert. Wie falsch war das! Auf den digitalen Plattformen entstehen heute mediale Communities, Gemeinschaften, die sich durch die Art, wie sie die Medien nutzen, bilden. Ihre virtuellen Versammlungssphären nennen sich ICQ oder MySpace. Für Medienkonzerne wie AOL oder News Corp. spielen sie eine wichtige Rolle in ihrer Zukunftsplanung. Das Prinzip ist immer ähnlich: Teilnehmer stellen ihre Daten, ihre Vorlieben für Musik, Sport oder Mode aufs Netz und bilden damit ihre digitale Identität. Über 100 Millionen Menschen vernetzen und präsentieren sich so über MySpace.

Geht damit das Zeitalter der Massenmedien zu Ende? Diesem Gedanken hat Sloterdijk in seinem Buch „Die Verachtung der Massen“ eine spannende Interpretation gegeben: „Weil heute die Masse über das Stadium ihrer Versammlungsfähigkeit hinaus ist, hat das Programm-Prinzip das Führer-Prinzip ersetzen müssen. Folglich genügt es, den Unterschied zwischen einem Führer und einem Programm zu erklären, um offen zu legen, was die klassisch-moderne versammelte schwarze Masse von der post-modernen mediatisierten, aufgesplitterten bunten Masse unterscheidet. Es geht hier um den Unterschied zwischen Entladung und Unterhaltung. Dieser ist es, der auch die Differenz zwischen dem faschistoiden und dem massendemokratischen Modus der Affekt-Regie von kommunikationsintensiven Großgesellschaften mitbestimmt.“9

Das Zeitalter der Massenmedien ist intensiv mit der Knappheit der Sendefrequenzen verbunden. In Deutschland waren es mit dem Beginn des privaten Fernsehens, der mit dem Regierungsantritt von Helmut Kohl 1982 verbunden ist, die Landesmedienanstalten, die in einem sehr komplizierten Prozess mit der RTL-Gruppe, die an Bertelsmann ging, und der Pro 7 SAT 1-Gruppe, die an Kirch ging, den Markt der Massenmedien regelten. Die Knappheit der Fernsehfrequenzen ergab sich durch die Ausschließlichkeit ihrer terrestrischen Distribution. Sie definierte das Modell ein Sender - viele Empfänger. Das Internetfernsehen ermöglicht dagegen jedem, seine Videos auf bekannte Videoplattformen wie Sevenload zu stellen. Die Schnittfläche für das bewegte Bild ist damit nicht mehr alleine der TV- sondern auch der PC-Bildschirm, und bald kommt auch noch  das Handy hinzu – mit allen Vorteilen der Interaktivität.

Diese Innovationen laufen rasend schnell ab und erinnern eben an jene Zeit der Ent-deckungen „[…] in welche[r] zahllose Namen von Seehelden und Findern fremder Weltteile eingetragen sind, von der Magellanstraße im patagonischen Süden bis zur Hudson Bay im Norden Kanadas, von Tasmanien in der Südsee bis zum sibirischen Kap Tscheljuskin, von den Stanley-Fällen des Kongo bis zur Ross-Barriere in der Antarktis. Parallel zu der Künstlergeschichte, die in derselben Zeit Konturen annahm, hat sich die Entdeckergeschichte auf den Karten eine eigene Ruhmeshalle geschaffen. Ein Großteil der späteren Aktionen waren bereits Kandidatenturniere um den Verklärungsstatus in der kartierten Geschichte. Lange bevor die Kunst und die Kunstgeschichte das Konzept der Avantgarde für sich fruchtbar machten, waren die Vorhuten der Erd-Erfassung an allen Fronten künftigen Karten-Ruhms unterwegs.
Oft brachen sie aus den europäischen Häfen auf als diejenigen, die im Fall des Erfolges als erste an diesem oder jenem Punkt gewesen sein würden.“10

Es scheint, als wäre mit den Aporien der Avantgarde in der modernen Kunst eine neue digitale Elite auf den Plan gerufen worden, die alle Kennzeichen dieser neuen Avantgarde hat. Sie definiert sich aus der Weltsicht des Silicon Valley. Und ihre Protagonisten heißen Gates, Brin und Zennström. Also noch einmal: Endet damit das Zeitalter der Massenmedien? Vieles deutet darauf hin. Ein erstaunlicher Prozess ist in Bewegung gekommen. Um die zukünftigen Muster zu erkennen, braucht man ein so gutes Informationssystem, wie es die Fugger einmal hatten. Man braucht einen guten historischen Überblick der früheren Mediengeschichte und eine gute Vernetzung zu der neuen digitalen Avantgarde. Deren Wissen zu kennen ist ratsam. Aber vor allem sollte man die Freundschaft und Nähe zu Denkern wie Peter Sloterdijk genießen, die diesem Wandel den philosophischen Rahmen geben.

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1  Hugo von Hofmannsthal in seinem Gedicht von 1907 „Manche freilich……“
2 Peter Sloterdijk, Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung,  Frankfurt am Main 2005, S. 138.
3 Peter Sloterdijk, Die permanente Renaissance. Festrede zur Verleihung der Jakob Fugger- Medaille an Hubert Burda, München 2007, S. 14.
4  Peter Sloterdijk, a.a. O., S. 14.
5 Der PageRank-Algorithmus ist ein Verfahren, eine Menge verlinkter Dokumente, wie beispielsweise das Internet, anhand ihrer Struktur zu bewerten bzw. zu gewichten. Dabei wird jedem Element ein Gewicht, der PageRank, aufgrund der Verlinkungsstruktur zugeordnet. Das Grundprinzip lautet: Je mehr Links auf eine Seite verweisen, umso höher ist das Gewicht dieser Seite und desto größer ist der Effekt.
6  vgl. Friedrich Kittler, Optische Medien, Berlin, 1999
7  Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung, Frankfurt am Main 2005, S. 153.
8  Vgl. Wirtschaftswoche Nr. 18, Filme im Nachtschrank, 30.04.2007, S.108.
9 Peter Sloterdijk, Die Verachtung der Massen. Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft, Frankfurt am Main 2000, S. 20.
10  Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung,  Frankfurt am Main 2005, S. 172.

Die Abbildung zeigt eine Visualisierung des Globus von Martin Behaim (1457-1509), gefunden auf der Wbsite des Projekts  Der digitale Behaim-Globus

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