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Echte Bilder und falsche Körper - Irrtümer über die Zukunft des Menschen

Referent: Prof. Dr. Hans Belting
Moderator: Prof. Dr. Johanna Haberer

Datum: 25.04.2002
Uhrzeit: 00:00

Ort: Aula, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Die Gentechnologie, die in der Zukunft den Körper bedroht, ist eine neue Variante der Sehnsucht nach maschinenhaft perfekten Körpern, aber ihre Bedrohung liegt darin, daß sie Bilder zu Körpern machen und damit die Differenz zwischen dem Bild und jenem, wovon es ein Bild ist, aufheben will. Die ideologische Konstruktion des Körpers, die das 20. Jahrhundert beherrschte, wird von der Versuchung zu seiner biologischen Konstruktion abgelöst. Darin wiederholt sich der alte Konflikt von Natur und Bild in neuer Form. Man will den Körper in einem Bild nacherschaffen, in dem sich die Ideale von Gesundheit, Jugend und Unsterblichkeit erfüllen. Die "Eroberung der Welt als Bild", von der Heidegger gesprochen hat, würde damit abgeschlossen. Im Bild "kämpft der Mensch um die Stellung", in der er der Welt sein Maß aufdrückt. Für diesen Kampf setzt er "die uneingeschränkte Gewalt der Berechnung, der Planung und der Züchtung aller Dinge ins Spiel". Die Freiheit des Menschen von der Natur bestand gerade darin, dass er sich von ihr in den Bildern befreien konnte, die er selbst schuf und ihr entgegenstellte. Diese Freiheit verliert er in einem selbst geschaffenen Körper als einer Norm, von der es keine Abweichungen mehr gibt. Der "neue Mensch" ist keine neue Vision, aber die Vision verwandelt die fiktive Erinnerung an einen paradiesischen Menschen vor dem Sündenfall in das Bild eines zukünftigen Menschen, in welchem die Technik zur Natur geworden ist. Wir sind Gefangene der Bilder geworden, mit denen wir uns umgeben. Deshalb verwechseln wir die Krise des Bildes, die von der technologischen Expansion der Bildmedien beschleunigt wird, mit einer Krise des Körpers, den wir in den Bildern nicht mehr wieder finden oder nicht mehr wieder finden wollen. Daraus schließen wir dann auf eine Krise des Menschen.

 

(Zitat aus dem Buch "Bild-Anthropologie" (2001) S. 109)




Letzte Änderung 17.01.2006