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Stadterneuerung

Referent: Norman Foster
Moderator: Florian Rötzer

Datum: 13.06.2002
Uhrzeit: 19:00

Ort: Aula, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Stadterneuerung bedeutet das Bemühen um eine bessere Lebensqualität mit Hilfe gestalterischer Maßnahmen, denn Gestaltungsqualität und Lebensqualität sind miteinander verbunden. Die bauliche Umgebung, das, was wir sehen und fühlen, eben das, was uns umgibt, ist die Folge bewusster gestaltungspolitischer Entscheidungen. Gestaltung kann Wandel bewirken. Sie kann unser Leben, unsere Gesundheit und unsere Arbeitsweise verändern. Sie kann unser Wohlbefinden erhöhen und unsere Produktivität steigern.

 

 

In gewisser Weise wird unsere Umgebung jedoch nicht so sehr von den einzelnen Gebäuden selbst als vielmehr von der Qualität der Infrastruktur beeinflusst. Die Infrastruktur ist der „Klebstoff“, der eine Stadt erst zusammenhält. Bevor man sich jedoch an die Gestaltung der physischen Infrastruktur begeben kann, ist zunächst eine Infrastruktur für die Entscheidungsfindung vonnöten. Die Gestaltungsqualität steht in direkter Beziehung zur Qualität der Entscheidungsfindung. In diesem Sinne stellt der Begriff Qualität eine Geisteshaltung dar.

 

 

Die beispiellose Verstädterung, Umweltverschmutzung und Energieverschwendung unserer Tage stellt nicht nur die Politik, sondern auch die Stadtplanung vor neue Herausforderungen. Einige dieser Probleme lassen sich am Beispiel des Berliner Reichstags als relativ kleines Einmalprojekt veranschaulichen.

 

 

Am Beispiel des Carré d’Art in Nîmes zeigt sich, wie ein einzelnes Vorhaben im Zusammenhang mit einer klugen politischen Initiative das Gesamtgefüge einer Stadt erneuern kann, wie Verkehrsberuhigung und neue Freizeitangebote in einem Stadtzentrum zu dessen wirtschaftlicher und kultureller Wiederauferstehung beitragen können. Das Carré d’Art und die damit verbundenen städtebaulichen Maßnahmen auf dem Platz des Maison Carré haben einem ganzen Stadtviertel ein neues Gesicht gegeben. Der Platz ist voller Menschen, die unter vielen neuen Straßencafés wählen können, und die positiven Nachwirkungen der Neugestaltung sind noch weit entfernt spürbar. Dieser Erfolg war zum großen Teil auf die eigenwillige Haltung des Bürgermeisters von Nîmes zurückzuführen, der fest entschlossen war, die städtische Umwelt zu verbessern.

 

 

Ein ähnliches Beispiel für die Macht des Einzelnen bei der Herbeiführung von Veränderungen ist der Bürgermeister von Barcelona, Pasqual Maragall. Als eine Verschandelung der Gebirgslandschaft durch Antennen und Satellitenschüsseln abzusehen war, bestand er darauf, dass die Firmen der Telekommunikationsbranche zusammenarbeiteten und ihre Übertragungseinrichtungen an nur einem gemeinsamen Turm anbrachten. Durch Ausschreibung eines internationalen Architektenwettbewerbs sorgte Maragall dafür, dass ein wirklich ansehnliches Bauwerk errichtet werden konnte – eines, das sich zu einem neuen Wahrzeichen und Symbol der Stadt entwickeln würde.

 

 

Mit unserem Gesamtplan für das Hafengelände in Duisburg an der Mündung der Ruhr in den Rhein haben wir in Zusammenarbeit mit den Kommunen ein brachliegendes Industriegebiet zu neuer Blüte erweckt und es geschafft, die nach dem Niedergang der Stahlindustrie negative Entwicklung der Arbeitslosenzahlen umzukehren. Der Gesamtplan stellte eine politische Initiative zugunsten einer hochwertigen Infrastruktur dar, mit deren Hilfe Investoren angelockt und Gewerbeunternehmen auf dem Gelände angesiedelt werden sollten. Dabei war die Mischung aus Gewerbe-, Wohn- und attraktiven öffentlichen Flächen, die mit der üblichen Trennung von Arbeit, Wohnen und Freizeit brach, für eine nachhaltige Neuentwicklung des Geländes unverzichtbar.

 

 

Die „Millennium Bridge“ in London, die den Weg vom Finanzviertel in den Stadtteil Southwark verkürzt, bildet einen wichtigen Bestandteil in der Fußgänger-Infrastruktur der britischen Hauptstadt. Abseits von Verkehrslärm und Autoabgasen lädt die Brücke zu einem Spaziergang ein und ist inzwischen so beliebt, dass die Themse eher als verbindend denn als trennend angesehen wird. Darüber hinaus beeinflusst die Brücke das gesellschaftliche und auch das wirtschaftliche Leben zu beiden Seiten des Flusses, indem sie einerseits neue Wege nach Southwark eröffnet und so zum Aufblühen des Stadtteils beiträgt sowie andererseits das Ufer an der St.-Paul’s-Kathedrale zu neuem Leben erweckt.

 

 

Auf ähnliche Weise hat der „Great Court“ dem Britischen Museum neues Leben eingehaucht und für London einen neuen kommunalen und sozialen Raum von großer Bedeutung geschaffen. In Ergänzung dazu wurde der Museumsvorplatz für den Autoverkehr gesperrt und zu einem öffentlichen Platz umgestaltet. Zusammen stellen die zwei Maßnahmen eine wichtige neue Freizeiteinrichtung für London sowie einen neuen Treffpunkt für jene dar, die in der Gegend leben oder arbeiten. Auch entsteht durch das Projekt ein neuer öffentlicher Weg mitten durch Bloomsbury. In dieser Hinsicht passt es in den Rahmen des Gesamtplans, den wir für die Aufwertung von Trafalgar Square, Parliament Square, Whitehall und Umgebung ausgearbeitet haben.

 

 

Mit dem Projekt „World Squares for All“ sollen die fußläufige Erreichbarkeit und die Nutzung des Gebietes sowohl für die Londoner selbst als auch für die zahllosen Besucher verbessert und zugleich die unmittelbare Umgebung der vielen historischen Gebäude und Denkmäler der Stadt aufgewertet werden. Unsere Vorschläge zielen auf die Beseitigung der ungleichen Behandlung von Mensch und Verkehr sowie auf die Verbesserung der Lebensqualität in der modernen Großstadt. Jedes Projekt dieser Art kommt einem Balanceakt gleich, in dessen Rahmen für wahrhaft ganzheitliche Lösungen geworben werden muss, um den vielen Erfordernissen unserer Städte gerecht zu werden. Zwar hebt sich das Modell der historischen europäischen Stadt von den Megastädten des pazifischen Beckens deutlich ab, gleichwohl zeigen sich, wenn auch unterschiedlichen Ausmaßes, gemeinsame Probleme. Dabei besteht die vielleicht größte Herausforderung im Erreichen einer höheren Entwicklungsdichte bei verbesserter urbaner Lebensqualität.




Letzte Änderung 17.01.2006