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Bilder der Gewalt - Gewalt der Bilder

Referent: Prof. Dr. Peter Sloterdijk
Moderator: Michael Krüger

Datum: 16.05.2002
Uhrzeit: 19:00

Ort: Aula, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Typen der Gewalt

Um Gewalterscheinungen in unserer modernen Gesellschaft zu erklären, müsse man laut Peter Sloterdijk zwei grundlegende Typen von Gewalt unterscheiden: Zum einen die innerfamiliäre Gewalt, die zu enthemmender, generationenübergreifender Eskalation führe. Schon in den antiken Mythen wurden grausame Familienfehden beschrieben, welche als "Urszenen der europäischen Gewaltdarstellung" gelten könnten, so Sloterdijk.

 

Zum anderen existiere eine Form von Gewalt, die sich als institutionalisierte Gewalt etwa in Kriegen entwickelt. "Als Prototyp der Kriegsberichterstattung gilt die ‚Illias´ von Homer", erläuterte Sloterdijk. "Mit dieser europäischen Gewalterzählung fängt unser Geschichtsstrom an!" Darin erlangte der sogenannte Heldenzorn beziehungsweise die Raserei des Helden eine ganz grundlegende Bedeutung: "Zorn entwickelt sich so zu einem Grundwert der politischen Theorie und politischen Philosophie."

 

Brot und Spiele

 

Zorn, Gewalt und die Macht, den Untertanen den Tod zu geben, wurden zum Zeichen von Majestät erhoben und in eine Ästhetik des Erhabenen gefasst. Das Erhabene brauchte den gewalttätigen Zorn des Herrschers, um die Untertanen vor ihm zittern zu machen. Diese Rolle ging später auf die Allmacht der Natur über, vor der ein schreckensbewegtes Publikum erschauerte. "Heute ist das Recht und Vermögen, dem Publikum den Tod zu zeigen, an die moderne Unterhaltungsindustrie übergegangen." Eine harmlose Darstellung von Gewalt könne es nicht geben, meint Sloterdijk, denn: "Wer mitteilt, teilt die Sache selbst, der Erzähler ist immer auch Verbündeter, Komplize und Kritiker." Den Rückgriff auf die Antike nutzte Sloterdijk, um in die Probleme der Neuzeit einzuführen. Das vergangene Jahrhundert habe eine Wiederholung der "Vulgär-Antike" gebracht: "Das Grundproblem des 20. Jahrhunderts ist, dass der römische Amüsierfaschismus - Brot und Spiele - über das Sportlerideal des griechischen Helden gesiegt hat."

 

Der ehrenhafte Tod

 

Die national-imperialen Staaten stützten sich heutzutage laut Sloterdijk auf eine Massenkommunikation, durch die das Volk täglich indoktriniert werde - Stichwort "Halluzinationsgemeinschaft". "Kolumnisten, Prediger und Revoluzzer hauchen der Masse Einheit ein", so Sloterdijk.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde von der männlichen Jugend noch Opferbereitschaft für die Nation gefordert.

"Heutzutage gibt es kein Anrecht auf einen ehrenwerten Tod auf dem Felde mehr. Als schwacher Ausgleich müssen Drogen, schnelles Fahren und das Spielen mit Schusswaffen herhalten. Der ehemalige General wird im populären Film durch den Partisanen oder einen Kampfroboter à la Terminator abgelöst." Die wichtigste Gattung der Gewaltdarstellung in der Populärkultur sei der Horrofilm, der eine zivilisierende Funktion habe und ein Katalysator für Angst sei. Beispielsweise mache die Chancenlosigkeit den jungen Menschen Angst: "Für die meisten gibt es kein gelungenes Leben mehr, sondern nur noch ein gedehntes Scheitern".

 

 

"Offenbarung des Sprengstoffs"

 

Die Fluten gewalttätiger Kino-Bilder hätten eine wichtige Funktion in der gegenwärtigen Gesellschaft: "Wenn das Kino eine Kirche wäre, dann würde dort die Offenbarung des Sprengstoffes zelebriert."

Auf den ersten Blick habe sich in den modernen Massenmedien, so Sloterdijk, das Modell der institutionalisierten kriegerischen Gewalt der "Illias" durchgesetzt. Bei näherem Hinschauen könne man aber auch den familiären Ansatz erkennen, da Gewalt durch die Medien auch privatisiert worden sei. "Die Botschaft der heutigen Unterhaltungsindustrie lautet: Es ist herrlich ein Vernichter zu sein unter lauter Unterdrückten."

 

 




Letzte Änderung 17.01.2006