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Ortlosigkeit und Bilderfülle -
Fernwirkung und Ferngesellschaft


Referent: Prof. Dr. Peter Weibel
Moderator: Prof. Dr. Anton Zeilinger

Datum: 30.01.2003
Uhrzeit: 19:00

Ort: Aula, Ludwig-Maximilians-Universität, Geschwister-Scholl-Platz 1

Abstract Prof. Peter Weibel:

"Ortlosigkeit und Bilderfülle"

 

 

Das Bild war ursprünglich an einen Ort gebunden (Höhlenmalerei/Fresko). Durch die Erfindung des Tafelbildes wurde das Bild mobil und transportabel, durch die Erfindung von Drucktechniken wurde das Bild vervielfältigbar. Hinter dem Begriffspaar Mobilität und Multiplikation versteckt sich der Kampf zwischen Nähe und Ferne. Deshalb die prekäre Definition der Aura von Walter Benjamin als "einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag". Im Verschwinden der Aura zeigt sich der Bruch zwischen Nah- und Ferngesellschaft. Zur Einheit von Raum und Zeit gehört das Original als Singularität, als etwas, das nur einmal in Raum und Zeit existiert, hier und jetzt. Durch die Logik der Distribution (Mobilität und die Multiplikation) wurde das Bild aus der Aura der Nahgesellschaft in die Ferngesellschaft expediert. Sie entbirgt die Logik der Dislokation, die Aufhebung der Macht des Ortes.

Durch die Übertragung von Bildern (Telegraphie, Fernsehen) entstand die eigentliche ortsungebundene Kunst, eine ortlose Kunst. Die telekommunikative Technik steigert die Mobilität und Multiplikation der Bilder, mit der gesteigerten Ortlosigkeit steigt die Bilderfülle (Magazine, Fernsehen, www).

Die distribuierten, dislokalen Bildräume, die ihren aktuellen Ausdruck in Multi-User-Online-Spielen und virtuellen Environments finden, simulieren "die spukhafte Fernwirkung" (Einstein). Der experimentelle Nachweis der Fernwirkung durch die Quanteninformatik eröffnet die kommende Phase einer entstehenden Ferngesellschaft, in der das Bild eine nie gekannte Mächtigkeit erlangt, indem es paradoxerweise seinen historischen Charakter verliert und zu einem "epistemischen Ding" (Hans-Jörg Rheinberger) wird, zu einem Mischgebilde, "noch Objekt und schon Zeichen, noch Zeichen und schon Objekt" (Michel Serres).

 

 

 

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Abstract Prof. Anton Zeilinger:"Nicht-Lokalität in der Quantenphysik"

 

 

Verschränkung, nach Erwin Schrödinger das wesentliche Charakteristikum der Quantenphysik, bedeutet, dass zwei oder mehr Systeme über große Entfernungen enger zusammenhängen können, als dies bei klassischen Systemen möglich ist. Diese von Albert Einstein einmal als "Spukhafte Fernwirkung" bezeichnete Erscheinung, ist heute nicht nur hervorragend experimentell bestätigt, sondern bildet die Grundlage einer neuen Informationstechnologie. Ihre herausragensten Konzepte sind: Quantenkryptographie, Quantenteleportation und der Quantencomputer. Daneben wurde die Interpretationsfrage neu aufgeworfen, und es weist viel darauf hin, dass Information eine fundamentale Rolle in unserem Weltverständnis spielt.

 

 




Letzte Änderung 17.01.2006