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Iconic Turn? Eine Bitte um Ikonoklasmus

Referent: Prof. Dr. Willibald Sauerländer
Moderator: Prof. Dr. Ulrich Raulff

Datum: 10.07.2003
Uhrzeit: 19:00

Ort: Audimax der LMU München, Geschwister-Scholl-Platz 1

Das wissenschaftliche Projekt der traditionellen "Kunstgeschichte", deren Diskurs ästhetische mit historischen Kriterien verflochten hat, beruhte auf einer stillschweigenden Verabredung über Wesen und Grenzen von "Kunst".

Diese Verabredung war seit je brüchig, und niemals im strengen Sinne abgesichert. Sie erscheint vollends als obsolet seit im Zeichen der "Visual Studies" und des "Pictorial Turn" eine Bildwissenschaft gefordert wird, welche sich mit allen Bildern beschäftigen soll und welche die traditionelle "Kunstgeschichte" nur noch als eine Art Subdisziplin integrieren würde.

 

Dieses Projekt einer universellen Bildwissenschaft wird in einer Situation entworfen, in der die Suggestivkraft global verbreiteter Bilder für die öffentliche Verständigung, im Warentausch und für die Steuerung der öffentlichen Meinung eine immer größere Wirkung entfaltet und in weiten Bereichen die sprachliche Argumentation und ds vernünftige Raisonnement in der Zivilgesellschaft überblendet. Die Macht über die Bilder auf der elektronischen Agora ist zu einem öffentlichen und politischen Problem geworden, und damit kehrt auch das alte Thema des Bilderstreits in die Diskussion zurück.

 

Diese neue öffentliche Wirkung von Bildern, welche nicht als Kunst angesehen werden, fordert auch die traditionelle "Kunstgeschichte" in die Schranken. Sie wird durch das Projekt einer allgemeinen Bildwissenschaft vor eine Entscheidung gestellt. Verweigert sie sich, so wird sie als eine dem Gestern verhaftete Geisteswissenschaft marginalisiert und historisiert werden. Konkurrierende Disziplinen werden ihr die Bilder stehlen, ein Prozess, der längst im Gange ist. Löst sie sich umgekehrt ohne Vorbehalt in eine allgemeien Bildwissenschaft auf, wie sie das hier und dort schon zu tun scheint, bringt "Kunstgeschichte" sich um ihr ureigenstes Argument, daß Bilder als Kunstwerke nicht nur unterhalten, informieren und verführen, sondern ein Moment der Reflexion enthalten. Zu wünschen wäre, daß die Kunstgeschichte einen dritten Weg einschlüge, daß sie im Sinne eines "historia docet" ihr Wissen um die Konstruktion der alten Bilder und deren soziale Wahrnehmung in den Diskurs über die Wirkung und Wahrnehmung von Bildern in der heutigen Öffentlichkeit einbrächte. Damit könnte sie eine Art krtischen Ikonoklasmus entfalten und angesichts der vielen Bilder, welche die Menschen zu bloßen Zuschauern und Konsumenten degradieren, für die ästhetische Mündigkeit der Bürger in der neuen Videokratie eintreten.




Letzte Änderung 17.01.2006