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Revolution der modernen Kunst - was hat die Fotografie damit zu tun?

Referent: Stefan Heidenreich
Moderator: Prof. Dr. Hubertus Kohle

Datum: 19.05.2003
Uhrzeit: 19:00

Ort: Große Aula der LMU München, Geschwister-Scholl-Platz 1

1839 präsentiert der Physiker Arago das fotografische Verfahren von Nièpce und Daguerre der Öffentlichkeit. Dreissig Jahre später greifen die Wellen der Seine in den Bildern von Monet und Renoir auf Bäume und Wolken über. Kurz nach der Jahrhundertwende beginnt die Avantgarde, die Abbildung sichtbarer Welt vollends einzustellen.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts blieb das Verhältnis zwischen Fotografie und Malerei lange strittig. Der Streit um das Verhältnis der fotografischen Bilder zu denen der Kunst wurde vor Gericht, bei Ausstellungen und in Museen ausgefochten. Er betraf die Konkurrenz um Rechte, Motive, Publikum und Märkte.

Am Ende gibt die moderne Malerei die Funktion der Abbildung auf, sichert sich aber die Institution des Museums. Seit ihrer Gründung ordnen das Museum die Kunst nach Epochen und Stilformen, also nach der Zeit. Auf nichts anderes zielt der Begriff “modern”: das Neue im Unterschied zum Alten. Die Moderne erkauft die Freiheit der Malerei mit einer Unterwerfung unter eine museale Ordnung der Zeiten und Stile. Sichtbare Welt abzubilden bleibt anderen Medien überlassen, zuerst der Fotografie, dann dem Film. Die Selbstreferenz der Moderne hat zwar den Kosmos der Kunst in sich bestärkt, aber auch dazu geführt, dass Bilder, die die Welt berühren, nicht mehr von Künstlern gemacht werden.

Mit der Kluft zwischen der Kunst und den Bildern steht auch die Kompetenz der Kunstwissenschaften in Frage, das Fundament einer zeitgenössischen Bildtheorie noch formulieren zu können. Dass man heute keine Wissenschaft kennt, die sich den Bildern unserer Gegenwart in ihrer vielfältigen Gesamtheit widmet, hat viel mit dem Verhältnis von Fotografie und Malerei und der Revolution der Moderne zu tun.

 

 




Letzte Änderung 17.01.2006