30.07.2008, Stefan Heidenreich

Endlich hat es ein Verlag unternommen, Schriften und Aufsätze von Gottfried Boehm in einem Band zu veröffentlichen, die bislang nur verstreut in Sammelbänden vorlagen oder gar ungedruckt waren. Dabei ist Boehm einer der führenden deutschsprachigen Bildwissen- schaftler, er hat den Begriff des iconic turn geprägt und den Basler Forschungsschwerpunkt für Bildkritik - Eikones  - gegründet.
Als Schüler Gadamers kommt Boehm von der Philosophie her. Im Gegensatz zu vielen Philosophen, die am Begriff des Bildes verausgaben, ohne Bilder je zu betrachten, gelingt es ihm, tatsächlich in und mit den Bildern zu denken. Die Macht des Zeigens lautet der Untertitel seines Buches. Boehm vertritt die These, dass Bilder ihrer eigenen Natur nach auf einem doppelten Zeigen beruhen, nämlich etwas zu zeigen und sich zu zeigen.

19.07.2008, Stefan Heidenreich

Keines der großen Bücher von W.J.T.Mitchell wurde je ins Deutsche übersetzt, weder die Iconology von 1986, noch Picture Theory von 1994. Beide Werke geistern seither also kleine Unbekannte durch die hiesigen Leselisten zwischen Kunstgeschichte und Bildwissenschaft, ohne  wirklich wahrgenommen zu werden. Und das nicht von ungefähr.
Nun legt der Suhrkamp-Verlag eine Auswahl von Aufsätzen Mitchells unter dem etwas irreführenden Titel Bildtheorie auf deutsch vor. Das passt in ein akademisches Umfeld, das hierzulande seit ein paar Jahren Zeit debattiert, wie eine Bildwissenschaft zu gründen wäre. Aber gerade die große Theorie dazu liefert Mitchell nicht, und zwar ganz bewusst nicht. Dazu ist er immer ein viel zu unentschiedener Autor gewesen. Den etwas großspurigen Titeln seiner beiden ersten Bücher zum Trotz hat er nie eine geschlossenes theoretisches Gebäude entwickelt.
Iconology nimmt den Titel Panofskys auf, um gegen dessen Methode der Ikonologie oder besser deren zu naive Lesarten zu argumentieren.

31.05.2008, Stefan Heidenreich

Seiner Geschichte vom Betrachter und vom Blick hat der Kunsthistoriker Hans Belting ein aufregendes neues Kapitel hinzugefügt. Die Perspektive - der Durch-Blick - galt bislang als eine genuin westliche Erfindung. Belting fordert uns auf, ihre Wurzeln im Orient zu suchen. Und er zeigt, auf welchem Weg das Wissen der Perspektive in den Westen gelangt ist, warum es sich nur hier erfüllen konnte, und wie es kam, dass im Orient andere Lösungen den Sieg davon trugen.
Erst in unserer Gegenwart dringt das perspektivische Abbild dank technischer Medien auch in den ehemals abbild-feindlichen islamischen Orient vor.

Aber bild-feindlich war der Islam nie. Belting gibt genügend Beispiele für die reiche Bildkultur in Bagdad. Verboten war vielmehr, körperliches Leben mit Stimme und Atem auf leblose Bilder zu übertragen. Der Weg zum Blick, und damit also auch der Weg zur perspektivischen Darstellung waren damit versperrt.

Die im Orient entstandene optische Theorie ist eine Wisenschaft vom Sehen, nicht vom Bild. Den Schlüssel zum Verständnis des arabischen Zugangs findet Belting im Werk von Alhazen, Abu Ali al-Hasan Ibn al-Haitham, geboren in Basra 965, in Bagdad studiert, dann bis 1040 in Kairo tätig. Über die Lektüre der griechischen Texte hinausgehend entwirft er eine Wissenschaft vom Sehen und beschreibt darin unter anderem auch das erste Modell einer Camera obscura. Das Sehen war für Alhazen stets die Wahrnehmung von Licht und  nie das Hervorbringen von Bildern.

12.04.2008

Ist das Betrachten von Grausamkeiten selbst eine Grausamkeit? fragt Linda Hentschel in der Einleitung des von ihr herausgegebenen Bandes. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp rief einst zum Bild-Boykott auf. Wenn das Töten eines Menschen den Zweck hat, seinen Tod zum Bild werden zu lassen, dann ist das Betrachten dieses Bildes unabdingbarer Akt der Beteiligung. Dann würde der Betrachter zum Täter, aber das Bilderverbot erscheint beim Grad, mit dem Nachrichten von Visuellem durchtränkt sind, illusorisch.

 

Der Band zur Bilderpolitik ist alles andere als ein Handbuch zur Herrschaft durch Bilder, eher ein Gegen-Buch. Doch manchmal gleicht das Dagegen dem Dafür. Und so erfahren wir ausführlich, wie es gemacht wird, das Regieren mit Bildern.

Visuell zu regieren heißt, so die Herausgeberin Linda Hentschel mit Bezug auf Foucault, sich dem richtigen Verfügen über mediale Bilder anzunehmen, um sie einem angemessenen Zweck zuzuführen.

26.03.2008, Stefan Heidenreich

In der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) macht sich heute Jutta Göricke Gedanken zum Verhältnis von Kunst- und Bildwissenschaften.

Die Veränderungen der Kunstgeschichte illustriert sie mit einem gelungenen Bild. Lang ist es her, dass man Stilleben nur als Zeichen der Vanitas gelesen hat, der Eitelkeit und Vergänglichkeit. Heute zählt auch dort eher Curiositas, die Neugier, und die abgeschälte Zitronenschale zieht gedanklich in die Anatomischen Theater ein.
Vielleicht ginge es auch noch etwas gegenwärtiger, war doch die Zitrone Handelsgut in Amsterdam, dem Zentrum nicht nur der Stillebenmalerei, sondern auch des globalen Handels , wo die ersten Börsen ihre Höhenflüge und Kursstürzen erlebten.

Die Kunstgeschichte, so Göricke, droht
in drei Lager zu zerbrechen: das der Traditionalisten, die sich um Stil und Provenienzen kümmern, das der historischen Avantgardisten, die den Interpretationsrahmen von Kunstwerken um Naturwissenschaften in die Technikgeschichte erweitern, und das der ahistorischen Bildwissenchaften, die keinen Unterschied mehr machen zwischen der Venus von Botticelli und der Ultraschallaufnahme eines Oberbauchs.

Bildwissenschaften dagegen
stellen sich der Flutwelle der technischen Bilder, die sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts aufgebaut hat und seither den Globus überschwemmt. Iconic Turn.

03.03.2008
Rezension zu Hans Ulrich Reck: Eigensinn der Bilder

Reck: Eigensinn der Bilder. CoverWir werden auch Themen behandeln wie den iconic turn, also die Frage, ob es eine universale Bildwissenschaft gibt und was diese mit den Medien zu tun hat(245),  verspricht Hans-Ulrich Reck. Die Antwort überlässt er seinem Freund Bazon Brock, der lakonisch zweierlei festhält: Der eigentliche iconic turn besteht darin, dass heute vor Gericht niemand mehr das Argument abgenommen wird, dass er durch Bilder getäuscht worden sei. Selbst in der Rechtsprechung geht man davon aus, dass jeder, der mit Photographie, Film, Fernsehen aufgewachsen ist, nicht mehr vor Gericht einklagen kann, dass zwischen dem im Reiseprospekt abgebildeten Hotel mit Sandstrand und dem real von ihm wahrgenommenen Hotel vor Ort eine einklagbare Differenz besteht.(267) Die andere Seite des iconic turn sieht Brock in der Schlacht um die Ausildungsprogramme, und damit geht es zurüpck zur Unvermeidlichkeit der Kunst: Die zu diskutierende Fragestellung wird in jedem Bildungs- und Kultusministerium aufgegrifffen, wenn intern entschieden werden soll, ob ein neu zu errichtender Lehrstuhl nun unter dem Titel Ästhetik, Kunstgeschichte, Bildwissenschaften, Medienanthropologie oder Kunstkritik ausgeschrieben werden soll. Jeder, der sich verführen lässt, unter dem Titel Medienwissenschaft als Professor anzutreten, muss mit der Zeit einsehen, dass sein Bemühen ohne Bezug auf die Kunst vergeblich sein wird. Sobald der Bezug zu Kunst ind erMedinekritik oder Medienanthropologie ausfällt, geht der Betreffende zurgrunde. Denn nur die Kunst handelt von Evidenzkritik als um im Bild selbst.(268)
Diese Aussage erscheint ziemlich gewagt, wenn nicht geradewegs ignorant, angesichts der Fülle an Referenzen von Bildern auf Bilder, die auf Seiten wie Flickr oder Youtube kultiviert wird. Natürlich gelten dort nicht die Diskursregeln der beiden Herren. Aber Brock bleibt mit seinen Thesen ganz im Tenor der Buches. 

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