06.07.2007, Stefan Heidenreich

„This is an experimental book“ lautet der erste Satz eines Bandes zu visuellen Praktiken an Universitäten. Wie gut, dass ein Verlag willens war, das Experiment zu veröffentlichen, und mehr noch ein Autor, es durchzuführen. Zwei amerikanische Verleger lehnten das Manuskript ab, weil zu „technisch“.
Tatsächlich bezieht sich das Buch vor allem auf den Umgang mit Bildern innerhalb der Wissenschaft, und zwar dezidiert als Reaktion auf eine Tendenz der angelsächsischen Visual Studies, mediale und kulturelle Bilder in den Mittelpunkt zu rücken.
James Elkins hat 30 universitäre Disziplinen befragt, wie sie Bilder herstellen und verarbeiten. Herausgekommen ist ein Band, der im Gegensatz zu dem oft konzeptlosen Potpourri deutscher Sammelbände eine klare Frage stellt und anhand einer Reihe von Beispielen beantwortet.

16.06.2007, Stefan Heidenreich
Mit Wittgenstein zur Bildwissenschaft

Moquin, 1817Um Ähnlichkeiten zwischen Elementen zu beschreiben, die sich auf einzelne ihrer Merkmale beziehen, hat Ludwig Wittgenstein den Ausdruck Familienähnlichkeiten gebraucht. Wendet man diese Beziehung auf Bilder an, so stellt sich die Frage nach den Verwandtschaften, die unter ihnen vorliegen.

Verwandte Bilder lautet in der Titel eines Sammelbandes, der Fragen der Bildwissenschaft unter dem Vorzeichen von Familienähnlichkeiten angeht.
Der Versuch, von dort aus zu einer Definition zu kommen, die  in den Ähnlichkeiten der Bildfamilien eine Einheit entdeckt, führt zuerst einmal nicht weiter als zu rekursiven Formulierungen, wie etwa der Feststellung: „Die verschiedenen Bilder sind verbunden durch die Eigenschaft, Bilder zu sein, aber diese Eigenschaft findet sich nicht als durchgängiges Merkmal in jedem einzelnen Bild ...“(9)

Als wesentlich fruchtbarer erweist sich der Ansatz, wenn es darum geht, wie Bilder betrachtet werden können: „Ein Bild als Bild zu verstehen bedeutet, es im Zusammenhang mit anderen Bildern zu reflektieren.“(10) Von hier aus könnte man entschiedener als bisher das einzelne Bild als Forschungsgegenstand verlassen, und sich der Rekonstruktion von bildlichen Diskursen oder 'Bild-Spielen' nach Wittgenstein zuwenden.

22.05.2007, Stefan Heidenreich
Zu einem Sammelband über "Bildwissenschaften im Aufbruch"

Drei Jahre ist es her, dass sich in Wien bei der Tagung "Bildwissenschaften? Ein Zwischenbilanz" zwei Protagonisten des "Turns" zum Bild begegneten. W.J.T.Mitchell hat Anfang der 90er Jahre den Begriff des "pictorial turn" geprägt, Gottfried Böhm sprach kurz darauf erstmals vom "iconic turn". Beide Turns sind dem Vorbild des 1967 von Richard Rorty ausgerufenen "linguistic turn" nachgebildet. Der Sammelband zur Tagung veröffentlicht nun einen Briefwechsel, in dem beide Forscher ihre Begriffsbildungen klärend einander gegenüberstellen.

Einig sind sie sich, dass es sich bei der Wende zum Bild nicht um eine kurzlebige Mode handelt, sondern um einen nachhaltigen Wandel. Von grundsätzlichen Übereinstimmungen abgesehen, könnte die ideengeschichtlichte Herleitung der beiden Ansätze gegenläufiger kaum sein. Mitchells pictorial turn orientiert sich an der Materialität des Bildes, geschult an McLuhan, Foucault und Goodmann. Boehm dagegen begreift den Iconic Turn im Rahmen einer an Gadamer und Imdahl orientierten Hermeneutik. Im Gegensatz zu Boehm möchte Mitchell den Impuls seiner Wende zum Bild auf soziale und politische Fragen ausdehnen.

26.03.2007, Stefan Heidenreich
Über einen Vortrag von Gottfried Böhm

„Wie kommen Bild und Begriff im Bilde zusammen?“ Dieser Frage widmete sich Gottfried Böhm in einem Abendvortrag, zu dem die Arbeitsgruppe Die Welt als Bild an der Berlin- Brandenburgischen Akademie geladen hatte. Anlass der Einladung war eine Tagung zum Thema „Bild als Modell“.

 Böhm skizzierte zwei mögliche Ansätze, den der Modelltheorie nach Tarski und einen wissenschaftsgeschichtlichen, den er selbst bevorzugt. Seit ihren Anfängen trennt die Geschichte der Kunst die kognitive von der ästhetischen Dimensionen des Bildes. Das führt dazu, dass in den Museen modellhafte Bilder unterrepräsentiert sind. Erst das 20. Jahrhundert führt hier zu einer Änderung, indem experimentelle Bildmodelle den Weg in die Kunst zurück finden.

 

28.12.2006

Konvergenz ist kein neues Buzzword. Aber mit dem neuen Buch von Henry Jenkins erhält es eine neue Wendung. Verstand man bisher darunter das Zusammenfallen verschiedener Technologien und Medien, so erweitert Jenkins den Begriff auf die Ebene der Inhalte und der  Kultur. Wenn kulturelle Inhalte konvergieren, bedeutet das, dass sie von einem Medium ins andere übertreten; dass sie zwischen verschiedenen Formaten wechseln; dass die Rollen von Konsumenten und Produzenten sich vermischen.  
Jenkins knüpft in seinem Buch an seine Studien zu Computerspielen, Fans und Bloggern an, und führt sie an einigen, allerdings typisch amerikanischen Beispielen, in einem allgemeineren Rahmen aus.
Affektive Ökonomie, transmediale Erzählweisen, Kultur der Beteiligung und kollektive Intelligenz lauten seine Stichworte. Den Großteil seiner Beispiele  findet er im Feld des Bildlichen, weshalb seine Studie auch als Erkundung in eine entstehenden visuellen Kultur gelesen werden kann.

09.11.2006
Kultur und die Wenden der Wissenschaft

Ein Interview mit Doris Bachmann- Medick, deren im Sommer 2006 erschienenes Buch Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften einen bemerkenswerten Überblick über eine Reihe von "Wenden" in den Kulturwissenschaften gibt.  


Was bedeutet das Auftauchen der sogenannten "Turns" für die Kulturwissenschaften?

Als Theorie- und Forschungswenden bilden die Turns wichtige Scharniere für Grenzüberschreitungen zwischen fachspezifischen Forschungsprozessen. Sie entsprechen nicht nur den inter- oder transdisziplinären Ansprüchen der Kulturwissenschaften, sie verkörpern sie geradezu. Denn sie vernetzen die Disziplinen nicht etwa im luftleeren Raum, sondern beziehen sie in jeweils konkret benennbaren gesellschaftlichen und wissenschaftspolitischen Situationen auf ähnliche Analysekategorien und gemeinsame Fokussierungen – sei es Bedeutung oder Performanz und Inszenierung, oder auch Raum, Bild, visuelle Wahrnehmung usw.

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